Ratgeber Cyber-Mobbing – aktualisiert

–> Cybermobbing-Infoflyer von jugendinfo.de herunterladen

Mobbing ist ein Phänomen, das schon immer auch in Schulen eine Rolle spielte und in den letzten Jahren verstärkt ins Bewusstsein der Öffentlichkeit trat. Durch zunehmende Ausstattung von Heranwachsenden mit digitalen Geräten wurden die Schulen zunehmend auch für die Variante des Cybermobbing (Synonyme: Cyberbullying, Onlinemobbing) sensibilisiert, die Fortsetzung des herkömmlichen Mobbings mit digitalen Mitteln. Nach aktuellen Studien[1] war angeblich bereits mindestens jede/r fünfte Jugendliche Opfer dieser neuartigen Mobbingvariante, all diese Studien haben “Cybermobbing” allerdings sehr ungenau oder sogar überhaupt nicht definiert. In der JIM-Studie 2014 haben 7% der Befragten Jugendlichen angegeben, schon einmal im Internet oder über das Handy “fertig gemacht” worden zu sein, aber auch hier ist nicht jeder Fall automatisch als Mobbing einzustufen. Wie im Offline-Leben muss man auch bei Onlinekommunikation zwischen normalen, alltäglichen Auseinandersetzungen und tatsächlichem Cybermobbing unterscheiden.
Um von Mobbing sprechen zu können, müssen zwei Kriterien erfüllt sein:

  1. Betroffene sind nachhaltig, über längere Zeit vom Verhalten eines Angreifers oder einer Angreifergruppe beeinträchtigt und leiden darunter.
  2. Betroffene sehen sich einer Übermacht gegenüber, gegen die sie sich nicht alleine erfolgreich behaupten können. Der Begriff Mobbing (Englisch “mob” = Menge, Pöbel) impliziert ja ganz offensichtlich, dass eine 1-1-Auseinandersetzung ohne weitere Beteiligte hier nicht gemeint sein kann.

Ein kurzzeitiger Streit zwischen zwei Personen per WhatsApp oder Facebook ist demnach kein Cybermobbing, auch wenn sich die Auseinandersetzung im Cyberspace abspielt und die Ausdrucksweise zu wünschen übrig lässt. Bei einer direkten, nicht-digitalen verbalen Auseinandersetzung würde man hier ebenfalls nicht von Mobbing sprechen. Zieht sich eine Auseinandersetzung aber über mehrere Tage oder gar Wochen, an denen ein Täter mit Unterstützung anderer über ein Opfer herzieht, sich auf dessen Kosten lustig macht und von Mitläufern und Zuschauern Applaus für sein Verhalten erhält, ist von Mobbing auszugehen.

Cyber-Mobbing kann allerdings weitaus gravierender als das auf Schule und Schulweg begrenzte herkömmliche Mobbing wirken, denn die elektronische Distanz überwindet natürliche Hemmschwellen, und so rutschen auch ansonsten eher harmlosen und zurückhaltenden Menschen über WhatsApp manchmal Dinge heraus, die sie anderen im persönlichen Kontakt niemals ins Gesicht sagen würden. Durch das Einstellen beleidigender und diffamierender Inhalte (Texte, Fotos, Videos) in Onlineplattformen, die zudem von Dritten kopiert und weiter verbreitet werden können, wird eine weitaus größere Öffentlichkeit und ungleich nachhaltigere Wirkung erreicht als durch die „klassischen“ Zettelchen unter der Schulbank oder Schmierereien auf Toilettenwänden.Die oben genannten Kriterien für Mobbing sind deshalb im Cyberspace häufig sehr viel schneller erfüllt als im Offlineleben.

Zudem sind Opfer von Cybermobbing auch zuhause nicht mehr sicher vor Mobbing, sondern können gerade dort rund um die Uhr per PC und Handy massiv attackiert werden. Den Tätern steht dabei eine große Bandbreite digitaler Mittel zur Verfügung, von Messengern wie WhatsApp über Einträge auf virtuellen Pinnwänden der Opfer, bis hin zum Anlegen gefälschter Profile oder Seiten und Hassgruppen in sozialen Netzwerken. SMS und E-Mail spielen dabei kaum noch eine Rolle, an erster Stelle stehen mittlerweile Auseinandersetzungen in WhatsApp-Gruppen, durch die Ausstattung immer jüngerer Kinder mit Smartphones inzwischen auch zunehmend im Grundschulbereich (Beispiel: Eine WhatsApp-Gruppe namens “4b ohne Laura”…).

Wie auch der Fall der komplette Anonymität versprechenden Plattform “isharegossip” Anfang 2011 zeigte, können Täter über Onlinemedien zum Teil auch in völliger Anonymität mit sehr geringem Entdeckungsrisiko agieren. Zum Teil ist es – auch für die Täter selbst – sehr schwierig oder gar unmöglich, auf diese Weise veröffentlichte Inhalte wieder aus dem Web zu entfernen.

Wenn nicht frühzeitig und energisch interveniert wird, können die Folgen für die Opfer gravierend sein: Stress, Depressionen, psychosomatische Erkrankungen, Schulangst, Schulversagen und Schulwechsel, um sich den Tätern zu entziehen. Im Extremfall kann es auch zu Selbstmorden oder gar Amokläufen kommen, solche Fälle sind glücklicher Weise aber extrem selten.

Wer wird Opfer von Cybermobbing?

In fast allen Fällen werden online gemobbte Kinder und Jugendliche auch real ausgegrenzt und gehänselt, Cybermobbing ist fast immer immer die Fortsetzung des Klassenzimmer-Mobbings über Handy und Internet. Zwar ist vor Mobbing grundsätzlich niemand sicher, doch in vielen Fällen verfügen die Betroffenen über ein eher geringes Selbstwertgefühl, sind auf irgendeine Weise (Aussehen, Kleidung, Verhalten, Interessen, etc.) anders als die Mobber und deren Gefolge und reagieren bereits auf eher harmlose Angriffe sichtlich betroffen. Letzteres spielt der Motivation der Täter in die Karten, ihr eigenes Selbstbewusstsein auf Kosten anderer aufzuwerten – das Selbstwertgefühl von Mobbern nährt sich vom Applaus und der Anerkennung für das Niedermachen anderer, sie sind quasi Sozialvampire!

Wenn eine massive Cyberattacke ohne Kenntnis von Erwachsenen über längere Zeit eskaliert, ist der entstandene Schaden für die Psyche der Betroffenen häufig so gravierend, dass sie als letzte Möglichkeit die Flucht in Form eines Schulwechsels ergreifen wollen – aber da die Mobber damit ihr Ziel erreicht hätten, darf es dazu auf keinen Fall kommen! Im Fall der oben erwähnten Website “isharegossip” wäre jedoch auch das bei manchen Betroffenen keine Lösung gewesen, weil darüber übelste Diffamierungen in Fäkal- und Sexualsprache auf unterstem Niveau an nahezu allen Schulen der Stadt verbreitet wurden. Dieser Zustand wurde inzwischen zementiert, weil Schüler heute per WhatsApp weitläufig vernetzt sind – je peinlicher ein Spruch, ein Foto, ein Video für jemanden ist, desto schneller verbreitet es sich innerhalb einer Stadt oder sogar darüber hinaus.

Umgang mit Cybermobbing

Grundsätzlich gibt es hier zwei Ansätze zu berücksichtigen, Prävention und Intervention, wobei das Hauptziel sein muss, ein positives Klima zu schaffen, in dem sich möglichst wenige Fälle von Mobbing ereignen:

1. Prävention

a) Umfangreiche Aufklärung ist die wichtigste Maßnahme zur Vermeidung von Cybermobbing, das besonders häufig in den Klassenstufen 7-10 auftritt, weshalb Präventionsarbeit in dieser Altersgruppe am wichtigsten ist.
Einerseits muss dabei vermittelt werden, welche gravierenden Auswirkungen Mobbing auf Betroffene haben kann, wie es sich anfühlt, gemobbt zu werden (Mitgefühl wecken), und welche grundlegenden Verhaltensregeln Betroffene befolgen sollten (s.u.).
Andererseits müssen auch die möglichen schul-, zivil- und strafrechtlichen Konsequenzen für Täter verdeutlicht werden: Ordnungsmaßnahmen bis hin zum Schulverweis, Privatklage auf Unterlassung und Schmerzensgeld sowie staatsanwaltliche Ermittlungen bei besonders schweren Fällen. Damit lassen sich manche potentiellen Täter beeindrucken, die man auf der Empatheschiene nicht erreichen kann.

b) Wer nicht gegen Mobbing einschreitet, macht sich mitschuldig! Wer mitbekommt, dass jemand gemobbt wird, offline oder online, hat die Verpflichtung, Zivilcourage zu zeigen und dem Opfer zur Seite zu stehen. Hilft das nicht, müssen Erwachsene eingeschaltet werden. Wer das nicht tut, weil er nicht “petzen” möchte oder Angst hat, selbst zum Opfer zu werden, macht sich mitschuldig (“unterlassene Hilfeleistung”).
Gerade in dieser Hinsicht ist die präventive Arbeit enorm wichtig und erfolgreich. Schulen, die nachhaltig und flächendeckend an diesem Thema arbeiten, können die Mobbinproblematik damit entscheidend eindämmen.

c) Schaffung eines guten Klassen- und Schulklimas. Maßnahmen hierzu sind: Klassenleiterstunden, Trainingsprogramme zum sozialen Lernen, Formen mediativer Konfliktlösung, Einrichtung von Klassenräten, Peer-Learning-Programme (buddy-Konzept), Lions-Quest, Theaterarbeit. Neben den üblichen Klassenregeln sollten auch Regeln für den Umgang miteinander in Sozialen Netzwerken und über Messenger (WhatsApp) fixiert und von allen Schülern unterschrieben werden.
Präventive Maßnahmen sollten kontinuierlich durchgeführt und zu einem Gesamtkonzept miteinander verbunden werden. Nähere Informationen dazu finden sich u.a. auf der Homepage von: www.gud.bildung.hessen.de

d) Schutz der Privatsphäre. In sozialen Netzwerken und Chats sollte man seine Kontakte sehr sorgfältig auswählen und sparsam beim Posten von Bildern, Fotos und Texten sein, um potentiellen Mobbern keine Steilvorlagen in Form von unvorteilhaften bis peinlichen Inhalten zu liefern. Faustregel: Nur was man auch bedenkenlos an der Bushaltestelle plakatieren würde, gehört auch ins Netz. Es ist nicht möglich, private Fotos oder Videos wirklich sicher auf digitalem Weg zu verschicken, etwa per Snapchat. Alles, was auf einem Bildschirm erscheint, lässt sich ohne großen Aufwand sichern oder wiederherstellen!

2. Intervention

Wenn präventive Arbeit fehlt oder nicht erfolgreich war, ist Intervention notwendig, die immer ungleich aufwändiger und schwieriger ist. Hier gibt es unterschiedlichste Ansätze von konservativen „Harten Sanktionen“ bis zum aktuellen „No-blame-approach[2]“, der auf Konfliktlösung ohne Schuldzuweisung und Bestrafung setzt, um Opfer und Täter aus ihren Rollen zu lösen. Strafen können kontraproduktiv wirken, weil sie beim Täter bzw. seinem Umfeld Revanchegedanken auslösen können. Andererseits können sie auf andere potentielle Täter durchaus abschreckende Wirkung haben.

Für von Cybermobbing Betroffene gelten folgende Empfehlungen:

  1. Auf keinen Fall auf beleidigende Postings oder Nachrichten antworten, die Wirkung ist immer eskalierend! Jede Onlinereaktion auf Angriffe dreht die Spirale weiter an. Solche Auseinandersetzungen müssen immer im persönlichen Gespräch mit allen Beteiligten aufgearbeitet werden. Falls Täter anonym agieren, kann man versuchen, sie durch Einzelgespräche im persönlichen Umfeld des Opfers zu ermitteln. Bei Auseinandersetzungen über WhatsApp ist das in der Regel nicht erforderlich, weil die Beteiligten bekannt sind.
  2. In jedem Fall müssen Beweise gesichert werden, meist per Screenshot (wie das funktioniert, kann man googeln). WhatsApp-Dialoge kann man über das Einstellungsmenü komplett per E-Mail verschicken, auch inklusive darin enthaltener Bilder und Videos.
  3. Mobbing darf nicht aus Angst vor Eskalation erduldet werden, denn gerade das ermutigt die Täter zu immer härterem Vorgehen – sie wollen ihren Applaus und hören nicht auf, bis sie die beabsichtige Reaktion des Opfers erreicht haben. Betroffene müssen sich aktiv Hilfe bei Mitschülern oder Erwachsenen suchen: Klassenleiter, Verbindungslehrer, Schulpsychologen, Schulsozialarbeiter, Eltern. Die schulischen Ansprechpartner sollten diesbezüglich geschult sein. Gibt es ausgebildete Streitschlicher oder Medienscouts an der Schule, kann man sich auch zunächst an diese wenden.
    Wichtige Botschaft: Das ist kein „Petzen“! Je früher man sich gegen Mobbing zur Wehr setzt, desto besser sind die Chancen, dass das Problem dauerhaft geklärt und beseitigt werden kann.
  4. Wenn obige Maßnahmen nicht greifen und pädagogische Mittel ausgeschöpft oder (in besonders gravierenden Fällen) nicht zielführend sind, stehen rechtliche Mittel zur Verfügung:
  • Informelle Aufforderung an den Mobbenden formlos im Gespräch, per Brief oder Email aufzufordern, sein Tun zu unterlassen. Dabei auf jeden Fall eine Frist setzen, innerhalb derer die Beleidigung online zu löschen ist.
  • Ordnungsmaßnahmen durch die Schulleitung
  • Förmliche Abmahnung per Brief – als eine Art letzte Warnung. Darin muss klar stehen, welches Verhalten als Mobbing empfunden wird und dass es aufzuhören hat. Außerdem wird der Angeschriebene aufgefordert, eine rechtsverbindliche Erklärung abzugeben, dass er sein Verhalten künftig unterlässt.
  • Unterlassungsklage. Solche Klageverfahren dauern allerdings bis zu einem Jahr.
  • Einstweilige Verfügung: Als Notverfahren für eilige Fälle können Betroffene bei drastischen Cybermobbing-Attacken eine einstweilige Verfügung beantragen. Dabei kann ein Gericht das Unterlassen des Mobbings innerhalb von einem bis drei Monaten anordnen.
  • Strafanzeige bei der Polizei oder Einschalten eines polizeilichen Jugendkoordinators. Bei anonymen Tätern kann Strafanzeige gegen Unbekannt bei der Polizei erstattet werden. In jedem Polizeipräsidium gibt es dafür die Abteilung ZK 50 (Onlinekriminalität), deren Beamte im Onlinebereich besonders geschult sind. Sie haben auch Möglichkeiten, sich von Facebook IP-Adressen und Emailadressen von Tätern herausgeben zu lassen.
    Alternativ besteht die Möglichkeit, eine Anzeige über die Online-Wache zu erstatten: https://onlinewache.polizei.hessen.de

 

Angebote und Anlaufstellen zum Thema Cybermobbing

Angebote anderer Bundesländer:


[1] http://www.zepf.uni-landau.de/das-zepf/mitarbeiter/jaeger-reinhold-s/veroeffentlichungen

http://www.mpfs.de/fileadmin/JIM-pdf10/JIM2010.pdf

[2] www.no-blame-approach.de


Kommentare

Ratgeber Cyber-Mobbing – aktualisiert — 2 Kommentare

  1. Pingback: Medienkompetenz gegen Mobbing? » Cyberbullying, Internet, Opfer, Bullying, Jugendlichen, Cybermobbing » GrünDigital

  2. Pingback: Cyber-Mobbing & Internet-Dschihadismus - I P P K

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Spamschutz *
Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.