Neue Studie zu Cybermobbing irreführend

Heute wurde vom “Bündnis gegen Cybermobbing” eine neue, große Studie zum Thema Cybermobbing vorgestellt, die Anfang der Woche schon mit der Schlagzeile angekündigt wurde: “Schon jeder 5. Jugendliche Opfer von Cybermobbing!”
Beispiel: http://www.focus.de/digital/internet/studie-zum-cybermobbing-jeder-fuenfte-jugendliche-wird-opfer-von-digitaler-gewalt_aid_986895.html

Leider haben Presse und andere Medien diese Vorankündigung mit markigen Schlagzeilen übernommen, ohne überhaupt die endgültige Vorstellung der Ergebnisse abzuwarten.

Ergebnis: Heute verlautbarten die Autoren der Studie: “Rund 17 Prozent aller Schülerinnen und Schüler seien nach einer Erhebung des Bündnisses bisher Opfer von Cybermobbing-Attacken geworden. Darunter fallen Beschimpfungen, Beleidigungen, Gerüchte und Verleumdungen.”
(Quelle: http://www.24pr.de/article/Studien+Autor+Cybermobbing+ist+wachsendes+Problem/201459.htm)
In der Studie heißt es auf S. 93: “16,6% der befragten Schülerinnen und Schüler waren bisher Opfer von Cybermobbing-Attacken”. Das ist nach Adam Riese nur jeder 6., nicht jeder 5.
Da stellt sich dem kritischen Leser die Frage, was diesen Verein wohl dazu motiviert haben mag, schon im Vorfeld mit großzügig aufgerundeten Zahlen ordentlich Wind zu machen, noch dazu, wenn man dann erfährt, dass die Studie von einer Versicherung gesponsort wurde, die Versicherungen gegen Cybermobbing verkauft! Da bleibt nur noch ungläubiges Kopfschütteln, denn wirksam gegen Mobbing ist allein präventive Arbeit an den Schulen, um Cybermobbing durch Aufklärung möglichst zu verhindern bzw. zumindest frühzeitig zu entdecken, aber ganz sicher keine Versicherung, die erst greift, wenn der Ernstfall bereits in aller Konsequenz eingetreten ist!

Praktischer Weise gibt es am Fuß der Pressemeldung zur Studie auf der Seite des Versicherers auch gleich den Link zu “ARAG web@ktiv | Unsere Cybermobbing-Versicherung“…

Auch interessant: “Alle drei Erhebungen wurden von  der COBUS Marktforschung GmbH
in Karlsruhe durchgeführt.” Deren Geschäftsführer ist Uwe Leest, der wiederum Vorstand des Vereins “Bündnis gegen Cybermobbing” ist und zusammen mit Christoph Schneider
und Dr. Catarina Katzer (ebenfalls Bündnis gegen CM) als Autor der Studie genannt wird…

Letztere bietet denn auch auf ihrer Homepage Schulen Vorträge und Workshops zum Thema  Cybermobbing für vierstellige Honorare an: www.chatgewalt.de/Was%20wir%20Ihnen%20anbieten.html

Es beruhigt ein bisschen, dass sich kaum eine Schule solche Referentenhohorare leisten kann…

Weiter erfährt man: “Mehr als ein Fünftel der Opfer fühle sich dauerhaft belastet”. Da aber gerade  Dauerhaftigkeit ein ganz entscheidendes Merkmal von Mobbing ist, bleibt unter dem Strich übrig, dass ein Fünftel von 16,6 %, also ca. 3,3 %, laut dieser Studie tatsächlich Opfer von Cybermobbing geworden sind, eine Zahl, die sich auch weitaus besser mit meiner Erfahrung im Schulalltag deckt als die reißerische Behauptung “jeder 5. wird im Internet gemobbt!”

Und was fängt ein ernsthafter Betrachter überhaupt mit einer Studie an, in der der Untersuchungsgegenstand “Cybermobbing” noch nicht einmal definiert wird – Schüler, Lehrer und Eltern wurden nur abgefragt, wem dieser Begriff “bekannt ist” – und bei der man die verwendeten Fragebögen überhaupt nicht einsehen kann?

Der Blick auf Abb. 80 auf S.94 der Veröffentlichung zeigt, dass unter “Art und Weise des Cybermobbings” viele Vorfälle abgefragt wurden, die bei einmaligem Auftreten noch lange nicht als Cybermobbing zu bewerten sind. Fragt man etwa in einer beliebigen Schulklasse, wer schon einmal offline beschimpft oder beleidigt wurde, melden sich deutlich mehr als die Hälfte von 16,6 % – mit Mobbing hat das aber überhaupt nichts zu tun, solange es nicht wiederholt und in bewusst verletzender Absicht passiert!

studie_cybermobbing_Bündniss-gegen-CM

Quelle: http://www.buendnis-gegen-cybermobbing.de/Studie, S.94

Auf S. 98 demonstrieren die Autoren schließlich, dass ihnen grundlegende Kenntnisse zum Thema “Mobbing” fehlen:

“19% der Befragten waren selbst schon einmal Täter. Die Ergebnisse sind überraschend: Die Anzahl der selbst eingestandenen Täterschaft (19,1%) ist höher als die der Opfer  (16,6%).  Überraschend  deshalb, da  aufgrund  des sogenannten  „sozial erwünschten  Antwortverhaltens“  die  Annahme  zugrunde  liegt,  dass  diese  Werte  geringer  sein müssten  als  die  der  Opfer.”

Da Mobbing aber fast immer von mehreren Tätern gegen eine Einzelperson ausgeführt wird, sind diese Zahlen für jeden, der sich schon einmal näher mit dieser Thematik beschäftigt hat, absolut plausibel! Und in sozialen Netzwerken kann man sich schon durch einen einzigen unüberlegten Klick auf “gefällt mir” ind die Riege der Mittäter einreihen.

In der anerkannten JIM-Studie 2012 des MPFS heißt es zum Thema Cybermobbing: “Die Grenze zwischen Peinlichkeiten, Beleidigungen und Cybermobbing ist je nach individueller Konstitution von außen nur schwer nachvollziehbar. Allerdings bestätigen 23 Prozent der Internet-Nutzer, dass es in ihrem Bekanntenkreis eine Person gibt, die im Internet schon einmal fertig gemacht wurde.

Mein Fazit zu dieser “Studie” des Bündnisses gegen Cybermobbing: Ab in die Tonne damit, für meine Arbeit ist sie leider unbrauchbar…
Natürlich ist Cybermobbing ein brisantes Thema, das auf keinen Fall unterschätzt werden darf, weil die Wirkung im konkreten Einzelfall wesentlich heftiger sein kann als im Offline-Leben, und bezüglich der notwendigen präventiven Arbeit in Schulen und Elternhäusern gibt es zweifellos erhebliche Defizite.
Aber unscharfe Studien und reißerische Darstellungen helfen keinem der Betroffenen weiter.

Link => Einschätzung der Studie durch die Medienpädagogin Angelika Beranek


Kommentare

Neue Studie zu Cybermobbing irreführend — 3 Kommentare

  1. Pingback: Cybermobbing … auch für Versicherungen ein heißes Thema?! | medienkompetenzinfo

  2. Pingback: Lästereien im Internet: Wie sich Jugendliche im Netz traktieren | Germany News Online

  3. Link => Einschätzung der Studie durch die Medienpädagogin Angelika Beranek

    Der Link finkioniert leider nicht mehr.
    Die kritischen Betrachtungen halte ich für sehr hilfreich. Es ist absolut wichtig, die Zielgruppen in den Vorträgen (meistens Lehrkräfte und/oder Eltern) auf den Boden der Tatsachen zurück zu holen. Sie dafür zu sensibilisieren, wer die wirklichen Cybermobbingopfer sind.
    Uwe Kreis,KHK

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