Plädoyer gegen die Nutzung privater Bildschirmgeräte im Unterricht

Clay Shirky, ein renommierter US-amerikanischer Social Media Dozent, veröffentlichte diesen hochinteressanten Artikel am 8. September 2014, jetzt habe ich Zeit für eine Übersetzung gefunden. Seine Einschätzung zum Einsatz privater Laptops, Tablets und Handys in seinen Vorlesungen am College deckt sich mit meinen Erfahrungen aus dem Schulunterricht: Gegen WhatsApp, Facebook & Co. ist kein Kraut gewachsen – und deren Auswirkungen auf die Konzentrationsfähigkeit von Studenten wie Schülern können gravierend sein. Ich kann allen Lehrkräften, Studenten/Schülern und Eltern nur wärmstens empfehlen, diesen ausführlichen Artikel aufmerksam zu lesen.

Seine Kernaussage: Die Nutzung privater Geräte im Unterricht stört nicht nur direkt die Konzentration der Nutzer, sondern führt auch indirekt zur Ablenkung von Sitznachbarn.

Warum ich meine Studenten auffordere, ihre Laptops zuzuklappen – von Clay Shirky

Übersetzung von: https://medium.com/@cshirky/why-i-just-asked-my-students-to-put-their-laptops-away-7f5f7c50f368

Ich unterrichte Theorie und Praxis von Social Media an der NYU und bin als Verfechter und Aktivist der freien Kulturbewegung ein ziemlich unwahrscheinlicher Kandidat für Internetzensur, aber ich habe gerade die Studenten in meinem Herbstseminar aufgefordert, die Nutzung von Laptops, Tablets und Handys im Hörsaal zu unterlassen.

Ich kam zu spät und nur widerwillig zu diesem Entschluss – ich behandle das Internet in meinen Kursen seit 1998 und ich habe in der Regel eine Laissez-faire-Haltung zum Einsatz von Technik im Unterricht. Dies lag u.a. daran, dass sich der Einsatz von Technologie aufgrund des Unterrichtsthemas organisch anfühlte, und wenn der Geräteeinsatz gut lief, war das großartig. Dazu gab es den Wettbewerbsaspekt – es ist meine Aufgabe als Lehrer, interessanter als alle Ablenkungen zu sein, also fühlte sich ein Verbot an wie Betrug. Und schließlich wollte ich meine erwachsenen Studenten nicht bevormunden – Zeitmanagement ist ihr Job, nicht meiner.

Diesen Überlegungen zum Trotz wurden die praktischen Auswirkungen meiner Entscheidung, den Einsatz von Technologie zu erlauben, im Laufe der Zeit immer gravierender. Das Ablenkungsniveau in meinem Unterricht schien stetig zu wachsen, auch wenn es sich nach wie vor um denselben Professor, weitgehend dieselben Themen und eine vergleichbare Gruppe von Studenten handelte. Die Veränderung schien mehr mit der Zunahme der Allgegenwart und den Möglichkeiten der Geräte selbst zu korrelieren, anstatt mit anderen Rahmenbedingungen.

Im Laufe der Jahre ist mir aufgefallen, dass, wenn ich aus einem besonderen Grund alle Anwesenden bitte, ihre Geräte wegzuräumen (“Deckel zu”, im Sprachgebrauch meiner Abteilung), es wirkt, als ob jemand frische Luft in den Raum ließe. Das Gespräch gewinnt an Qualität, und seit kurzem bemerke ich auch ein Gefühl der Erleichterung bei vielen Studenten. Multitasking ist kognitiv anstrengend – wenn wir es freiwillig tun, kann die Aufforderung, damit aufzuhören, als willkommene Abwechslung empfunden werden.

Folglich habe ich dieses Jahr aus der bisherigen Empfehlung, Laptops und Handys nicht zu nutzen, eine feste Hörsaalregel gemacht: “Bleiben Sie konzentriert. (Keine Gerätenutzung in der Vorlesung, es sei denn, die Aufgabenstellung erfordert es.)” Anlass dafür waren folgende Überlegungen:

Wir wissen seit einiger Zeit, dass Multitasking schlecht für die Qualität kognitiver Arbeit ist, insbesondere für die Art von kognitiver Arbeit, die wir von College-Studenten erwarten.

Dieser Effekt wirkt nicht nur akut, auch wenn Multitasking die unmittelbare Leistung nicht merklich beeinträchtigt, kann es langfristig negative Auswirkungen auf das “deklarative Gedächtnis” haben, das uns ermöglicht früher erworbenes Wissen gezielt einzusetzen. Multitasking verstärkt damit den berühmten “ich lernte es am Tag vor dem Test, vergaß es am Tag danach”-Effekt (auch Bulimie-Lernen genannt) noch zusätzlich.

Viele von uns nutzen Multitasking, weil wir glauben, wir könnten dadurch mehr leisten. Dieser Mehrwert materialisiert sich aber nie; stattdessen verschlechtert sich die Effizienz. Dennoch empfinden wir als Nebeneffekt eine emotionale Befriedigung, weil bei Multitasking das Aufschieben unangenehmer Aufgaben innerhalb unserer Arbeitszeit stattfindet. Dieser Nebeneffekt lässt die Betroffenen am Multitasking festhalten, obwohl sich dabei exakt das verschlechtert, was sie eigentlich verbessern wollten.

Darüber hinaus verbessert Multitasking noch nicht einmal die Kompetenz, zwischen Aufgaben zu wechseln. Eine Studie der Universität Stanford zeigt, dass intensive Multitasker sogar schlechter darin sind, zu entscheiden, auf welche Aufgabe sie sich konzentrieren sollten. (“Sie haben eine Vorliebe für Irrelevanz”, wie Cliff Nass, einer der Forscher, sagte.) Während Multitasker häufig denken, sie würden ihre Fähigkeit verbessern, mit mehreren Aufgaben zu jonglieren, sie sind eher wie Alkoholiker, die ihre Fähigkeiten durch Überkonsum beeinträchtigen.

Das alles ist nur die allgemeine Forschung über Multitasking als stabiles kognitives Phänomen. Aber Laptops, Tablets und Handys – die Geräte, auf denen der tägliche Kampf zwischen Fokus und Ablenkung erfolgt – machen das Problem immer schlimmer. Jeder Softwareentwickler gibt sich größte Mühe, einen noch besseren Service und Nutzwert anzubieten als die Konkurrenz.

Das gilt insbesondere für Social Media, denn soziale Informationen sind unmittelbar und emotional fesselnd. Sowohl Form als auch Inhalt einer Facebook-Statusmeldung wirken geradezu unwiderstehlich ablenkend, vor allem im Vergleich zu eher profanen Unterrichtsinhalten. („deine Ex-Freundin hat dich einem Foto markiert“ gegen „Der Krimkrieg war der erste signifikant von einem Telegraphen beeinflusste Konflikt.“ Erkennen Sie den Unterschied?)

Schlimmer noch, die Designer von Betriebssystemen haben allen Grund, als Waffenhändler für Social Media Unternehmen zu agieren. Mit Signaltönen, Pings, Pop-ups und Symbole, bieten aktuelle Schnittstellen eine außerordentliches Arsenal für aufmerksamkeitshaschenden Geräte, mit der Betonung auf „bekommen“. Der Mensch ist nicht in der Lage, überraschende neue Informationen in seinem Gesichtsfeld zu ignorieren, ein Effekt, der am stärksten auftritt, wenn der visuelle Hinweis leicht über und neben unserem Blickschwerpunkt liegt. (Klingt das nach der rechten oberen Ecke eines Bildschirms in Ihrer Nähe?)

Form und Inhalt eines Facebookmeldung können fast unwiderstehlich sein, aber kombiniert mit einem visuellen Alarm in Ihrem unmittelbaren peripheren Sichtfeld, ist es eigentlich biologisch unmöglich, dem zu widerstehen. Unsere visuellen und emotionalen Systeme sind schneller und leistungsfähiger als unser Verstand; wir sind automatischen Reaktionen ausgeliefert, wenn nur eines dieser Systeme einen Reiz empfängt, und noch viel mehr bei beiden zugleich. Einen Schüler aufzufordern, konzentriert zu bleiben, während er Social Media Benachrichtigungen erhält, ist dasselbe wie von einem Schachspieler Konzentration zu erwarten, während man ihm in unregelmäßigen Intervallen mit einem Lineal auf die Finger klopft.

Jonathan Haidts Metapher von dem Elefanten und seinem Reiter ist hier hilfreich. Laut Haidt ist der menschliche Geist wie ein Elefant (die Emotionen) mit einem Reiter (dem Intellekt) obenauf. Der Reiter kann sehen und im Voraus planen, aber der Elefant ist viel mächtiger. Manchmal arbeiten der Fahrer und der Elefant zusammen (das Ideal im Unterrichtsraum), aber bei Konflikten gewinnt in der Regel der Elefant.

Seit der Lektüre Haidts sehe ich Studierende nicht mehr als Menschen, die eine bewusste Wahl treffen, ob sie aufpassen möchten, sondern als Menschen, die versuchen, aufzupassen, aber dabei mit verschiedenen Einflüssen zu kämpfen haben, von denen der größte ihre eigene Neigung zu unbewussten, emotionalen Reaktionen ist. (Dies ist umso schwieriger für junge Leute: Deren Elefant ist extra stark, und der Reiter noch ein Anfänger.)

Wenn man Unterricht als gemeinsame Anstrengung betrachtet, ändert sich die Art des Klassenzimmers. Nicht ich verlange, dass sie sich konzentrieren – wir arbeiten gemeinsam daran, um ihre kostbare Aufmerksamkeit gegen äußere Ablenkungen zu verteidigen. Ich habe ein Klassenzimmer voller Reiter und Elefanten, aber ich versuche, die Reiter zu unterrichten.

Und während ich das tue, wer flüstert mit den Elefanten? Facebook, WeChat, Twitter, Instagram, Weibo, Snapchat, Tumblr, Pinterest, die Liste geht weiter, unterstützt durch die Designer von Mac, iOS, Windows und Android. Im Klassenzimmer heißt es ich gegen eine brillante und gut finanzierten Armee (zu der, schärfer als der Zahn einer Schlange, auch viele meiner ehemaligen Studenten gehören). Diese Designer und Ingenieure haben allen Grund, so viel Aufmerksamkeit wie möglich von meinen Schülern zu erlangen, ohne Rücksicht auf jegliche Vorsätze, die diese Studenten sich in Bezug auf mich oder meinen Unterricht vorgenommen haben.

Es muss nicht so sein, natürlich. Selbst ein flüchtiger Blick in die Literatur über Programmierung, eine ausgesprochen anspruchsvolle kognitive Aufgabe, wird ihnen Geschichten von Menschen zeigen, die so tief in einen Programmier-Flow geraten sind, dass sie jegliches Zeitgefühl verloren und vergaßen zu essen oder zu schlafen. Computer sind nicht zwangsläufig Quellen der Ablenkung – sie können mächtige Motoren der Konzentration sein – aber moderne Versionen wurden für Ablenkungen entwickelt, weil Aufmerksamkeit die Substanz ist, die das gesamte kommerzielle Internet am Laufen hält.

Die Tatsache, dass Hardware und Software professionell entworfen wird, um die Nutzer abzulenken, war der erste Grund, der mich veranlasste, die Nutzung der privaten Geräte im Unterricht zu untersagen. Es gibt zwar aktuell Gegenströmungen in der Branche, Software, die mögliche Ablenkungen ausblendet oder deaktiviert, aber das sind nur schwache Rückzugsgefechte. Die Industrie hat sich zu einem Wettrüsten um die Aufmerksamkeit meiner Schüler verpflichtet, und wenn es heißt „Ich gegen Facebook und Apple“, dann verliere ich.

Der entscheidende Punkt, der mich endgültig in das “keine Geräte in der Klasse”-Lager wechseln ließ, war folgender: Bildschirme verursachen Ablenkung vergleichbar mit Passivrauchen. Eine Studie mit dem unmissverständlichen Titel Laptop-Multitasking beeinträchtigt das Lernen im Klassenzimmer für Nutzer und deren Umgebung sagt alles:

Wir fanden heraus, dass Teilnehmer, die auf einem Laptop während eines Vortrags Multitasking betrieben, schlechter in einem Test abschnitten als andere, die kein Multitasking betrieben, und dass Teilnehmer, die direkten Blick auf einen Multitasker hatten, schlechter abschnitten als andere ohne diesen Blickwinkel. Die Ergebnisse zeigen, dass Multitasking auf einem Laptop erhebliche Ablenkung nicht nur für die Anwender, sondern auch für deren Kommilitonen bedeutet, und sich somit nachteilig auf das Verständnis der Vorlesung auswirken kann.

Ich weiß seit Jahren, dass die Grundlagenforschung über Multitasking umfangreicher wurde, und das für jeden, der versucht, angestrengt zu Denken (unser spécialité de la maison hier an der Hochschule), Geräteinsatz im Unterricht unter dem Strich einen negativen Output hat. Selbst mit diesem Konsens war es immer noch denkbar, als beste Lösung dieses Problems den Studenten die Forschungsergebnisse vorzustellen und sie dann selbst entscheiden zu lassen.

Der beschriebene “Umgebungseffekt“ pulverisiert allerdings diesen Ansatz. Man kann keine Laissez-faire-Haltung einnehmen, wenn die Verschlechterung der Aufmerksamkeit auf die Umgebung abstrahlt. Laptopnutzung im Hörsaal ist wie der Einsatz von Ghettoblastern – jeder User entscheidet, ob er die Erfahrung der Menschen um sich herum verschlechtert.

Gruppen haben auch ein Reiter-und-Elefanten-Problem, bestens beschrieben von Wilfred Bion in seinem Buch Erfahrungen in Gruppen. Darin beschreibt Bion, der Gruppentherapien durchführte, wie seine Patienten unbewusst Handlungen koordinierten, um den eigentlichen Zweck der Therapie zu unterlaufen. Bei der Diskussion der Auswirkungen dieses Verhaltens beobachtete Bion, dass effektive Gruppen oft aufwendige Strukturen entwickeln, um ihre anspruchsvollen Ziele nicht durch niederschwellige Gruppenaktivitäten wie Tratsch über Mitglieder und Verunglimpfung von Nichtmitgliedern gefährden zu lassen.

Die Struktur eines Klassenzimmers, und vor allem eines Seminarraums, zeigt eine vergleichbare Spannung. Alle Anwesenden haben ein Interesse an aktiver Teilnahme, obwohl das oft auch bedeutet, anderen Menschen beim Ringen mit halbgaren Gedanken zuzuhören, denn das ist der Prozess, durch den Menschen lernen, mit kontroversen Ideen umzugehen. Entgegen diesem langfristigen Wert hat jedoch jedes Mitglied Anlässe, sich auszuklinken, wenn auch nur vorübergehend. Der kleinste Aufmerksamkeitsverlust kann eine Kettenreaktion auslösen: Der Impuls, WeChat schnell zu überprüfen und dann das Handy wegzulegen, führt zu einer einzigen Nachricht, die einer sofortigen Antwort bedarf, und dann -wie bitte??? – was ist letzte Nacht passiert ??? (Den Menschen, die jetzt sagen: ” Schüler haben schon immer Zettel in der Klasse herumgegeben”, antworte ich, dass altmodische Notizen kein Video enthielten und nicht von überall in der Welt mit 10 Megabit pro Sekunde ankommen konnten.)

Ich habe das Glück, in Städten zu unterrichten, die jede Menge Ablenkung bieten. Würde ich als 19-jähriger einen idealen Tag in Shanghai planen, wäre “Höre einem alten Mann eine Stunde lang beim Reden zu”, nicht oben auf meiner Liste. Und doch kann ich Studenten Dinge vermitteln, die sie interessieren, und trotz all der Literatur über freudiges Lernen, von Maria Montessori angefangen, ist es oft genug hart, sich neue Kenntnisse anzueignen.

Tatsächlich bedeutet College tägliche Übungen in „Belohnungsaufschub“. „Diskutiere die frühmoderne europäische Druckkultur“ wird im direkten Vergleich niemals „Karaoke singen mit Freunden” schlagen können, aber auf lange Sicht wird eine passable Imitation von Rihanna weit weniger nützlich sein als zu verstehen, wie sich eine Medienrevolution entwickelt.

Jeder, der im Unterricht abgelenkt ist, verliert nicht nur den inhaltlichen Faden, sondern entwickelt auch ein Gefühl, dass das Ausklinken ok ist, und schlimmer noch, er bewirkt Second-Hand-Ablenkungen bei seinen Kommilitonen. In einem solchen Umfeld brauchen Studenten Unterstützung für ihren guten Willen, und sie müssen Abwehrkräfte gegen die mächtigen, kurzfristigen Anreize entwickeln, die sie dazu verführen, aus komplexen, manchmal frustrierenden Aufgaben auszusteigen. Diese Unterstützung und diese Abwehrkräfte kommen nicht von selbst, und sie sind nicht nur von individuellen Entscheidungen abhängig. Sie werden von sozialen Strukturen vorgegeben, die vor allem vom Unterrichtenden während der ersten Unterrichtswochen gesetzt werden.

Das ist für mich die größte Veränderung – nicht eine Veränderung der Regeln, sondern ein Veränderung in der Definition meiner Rolle. Wir Lehrkräfte sind mindestens so schlecht darin einzuschätzen, wie interessant wir sind, wie die Schüler in der Einschätzung ihrer Fähigkeit, sich zu konzentrieren. Gegen widersprüchliche Modelle des Lehrens und Lernens, sowohl negative – „konzentriert euch oder verliert!“ – als auch positive – „Lasst mich eure Aufmerksamkeit gewinnen!“ – sehe ich zukünftig die Aufmerksamkeit meiner Studenten als gemeinsamen Prozess: Wir schaffen gemeinsam eine Unterrichtssituation, in der diejenigen unter den Studenten, die sich wirklich konzentrieren wollen, die beste Chance dazu haben, in einer Welt, die diesem Ziel zunehmend entgegensteht.

Natürlich werden sich einige der Studenten immer noch ausklinken, das bleibt ihr gutes Recht, aber da ich denjenigen helfen möchte, die wirklich aufpassen wollen, habe ich beschlossen, dass es Zeit ist einzugestehen, dass ich mit Whiteboardstiften keine Schießerei gewinnen kann, und entsprechend zu handeln.


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