Liebe WhatsApp, ich muss mich von Dir trennen

“Revolutions have never lightened the burden of tyranny; they have only shifted it to another shoulder.”

 — George Bernard Shaw

 


Liebe WhatsApp, ich muss mich von Dir trennen

 

Hey WhatsApp. Das wird nicht leicht, aber es ist das Beste für uns.

Wie wir beide wissen, hat es so wunderbar angefangen. Ich mit meiner explodierenden Inbox, Du mit Deiner (sehr verführerischen) Ambition meine Emails komplett überflüssig zu machen.

Nur das ich nicht mehr sicher bin ob wir so gut füreinander sind. Oder eher, ich weiß nicht ob eine Beziehung mit Dir jemals wirklich das besser gemacht hat was in meiner anderen Beziehung schon nicht funktionierte.

Jeder weiß das Email und ich Probleme hatten. Email fing an als abenteuerlicher Aufbruch in eine ganz neue Welt und wurde ruckzuck größer als alle Erwartungen. Bevor ich es wusste hatten Email und ich Ringe an den Fingern, einen Kombi gekauft und ein nettes Häuschen in einem Vorort bezogen.

War das überstürzt? Klar. Ich denke, wenn wir gewusst hätten wie groß diese Beziehung werden würde, dann wären Email und ich das von Anfang an anders angegangen. Trotzdem, eine Verpflichtung ist eine Verpflichtung, und wir hatten eine Routine die wir wenigstens unsere Eigene nennen konnten.

Dann plötzlich kommst Du an, wie der verdammte Clint Eastwood in Brücken am Fluss reitest Du in mein Leben. Dein Charakter! Die Farben! Du warst das pure Versprechen, rosa Rosen und Sex appeal. Und Du bist SO viel besser auf meine Bedürfnisse eingegangen.

Schon bald haben wir täglich gechattet. Es dauerte nicht lang und ich konnte mir nicht mehr vorstellen wie es jemals war ohne Dich zu leben.

Und das war dann der Punkt an dem die Dinge ihren Lauf nahmen.

Denn, obwohl Du eine der besten Apps bist mit denen ich mich je eingelassen habe, bin ich nicht sicher ob Du DIE EINE bist. Wie es scheint ist es aber genau das was Du in letzter Zeit mehr und mehr eingefordert hast: die Eine zu sein.

WhatsApp, Du verlangst nach extrem viel meiner Zeit.

Ich habe mich vielleicht selbst getäuscht als wir noch in der Flitterwochen-Phase waren, aber als all das Gerede aufkam von wegen Du würdest Email killen – Ich muss gestehen da dachte ich es wären die typischen Email-Probleme die Du angehen würdest und nicht Email selbst.

Mit anderen Worten, ich dachte Du würdest mich zum Teil erlösen von der Flut an Nachrichten, Notizen und Hinweisen die ich täglich bekam. „Ich + WhatsApp = weniger Ablenkung und effektiv mehr vom Tag“ dachte ich zu dieser Zeit. Leider muss ich sagen, dass ich seitdem das Gegenteil erlebe.

Um genau zu sein, das TOTALE Gegenteil.

Mit Dir in meinem Leben habe ich exponentiell mehr Nachrichten bekommen als jemals zuvor. Und obwohl es großartig war so eine Verbindung mit Dir zu haben war es absolut brutal für meinen Tagesablauf.

Ich verstehe schon das es meine eigene Verantwortung ist in meinen Beziehungen auch Grenzen zu setzen. Aber jede Software kommt mit ihrer eigenen Neigung gewisse Menschliche Eigenschaften mehr zu fördern als andere und es ist offensichtlich das Du ziemlich stark Richtung „immer online“ tendierst, anstatt in Richtung „ab und zu mal reingucken“.

Ich stelle fest das die „immer online“ Tendenz eine selbstverstärkende Rückkopplungsschleife ist: um so mehr jeder online rumhängt, umso mehr Gespräche finden statt. Umso mehr Gespräche, umso eher wird von jedem erwartet mit zu machen. Usw., usf.

Das senkt echt die Messlatte für Alles, das es überhaupt wert ist Nachricht genannt zu werden. Email mag ja vielleicht Ihre Fehler gehabt haben, mit diesen „FWD: Re: FWD Ihr müsst das unbedingt lesen !!1!“ Witzchen die von entfernten Verwandten geschickt wurden. Aber Himmel noch mal, das klingt echt wie glückliche Tage der Ruhe im Vergleich zu dieser Cola-und-Mentos-ähnlichen Explosion von Katzen-GIFs, LOLs und Emoji mashups die Du in mein Leben gebracht hast.

Sogar bei Deiner Zusammenfassung meiner Netzwerkkommunikation[1] – bei der Du mir erklärst wie unsere Beziehung so läuft – geht es immer nur um die Menge der Nachrichten. Das ist irgendwie das Gegenteil dessen von dem ich dachte worum es bei uns eigentlich gehen würde.

Nur weil es Spaß macht lustige Nachrichten zu bekommen, heißt das ja noch lange nicht das ich damit den ganzen Tag verbringen will.

Tatsächlich eigentlich eher das Gegenteil.

Und wo wir grad beim organisieren des Tages sind:

Du teilst meine Aufmerksamkeit in tausend kleine Stücke

Es stimmt schon: Email war (und trotz Deiner tapferen Bemühungen ist sie es immer noch) ein kaum beherrschbarer Feuerwehrschlauch von noch-zu-tun-Themen die von Fremden gesteuert wurden. Aber eins der wenigen Dinge die sie für sich hatte war, dass wenigstens alles an einem Platz war.

Allein der Versuch mit den vielfältigen Folgeaktionen aus den vielfältigen Unterhaltungen mitzuhalten die sich aus all Deinen Kanälen ergeben, erfordert eine Skynet-artige Metapräsenz die ich einfach nicht habe.

Mit Dir wurde das Feuerwehrschlauch-Problem zu einem Hydra-köpfigen Monster.

Alles ist verstreut und die mentale Anstrengung die das erfordert ist real. Linda Stone nennt diese ewige, flache quasi-Präsenz “kontinuierliche partielle Aufmerksamkeit”[2] und das macht praktisch jeden Gesprächsfaden per Definitionem lose und ungebunden.

In der realen Welt ist das nicht so schlimm, weil dort Gespräche Nuancen und Substanz und Kontext haben. Mit Dir aber hat alles in etwa das gleiche Gewicht und so bin ich gezwungen mental alle meine Unterhaltungen gleichermaßen im Auge zu behalten, egal ob sie Konsequenzen haben oder nicht.

Apropos lose Fäden:

Du machst es tatsächlich SCHWIERIGER ein Gespräch zu führen.

Bevor wir uns trafen, hatte ich primär 2 Arten der digitalen Kommunikation.

  1. Echtzeit

Manche der online-Plattformen die ich benutzte waren von Natur aus „Echtzeit“ (Telefon, Skype, etc.). Sie hatten die eingebaute Erwartung einer direkten Konversation in der jeder Teilnehmer mehr oder weniger voll präsent war.

  1. Asynchron

Im Gegensatz dazu gab es andere Plattformen, die von Natur aus asynchron waren (E-Mail, Voicemail, Twitter, etc.). In denen es nicht die Erwartung einer sofortigen Reaktion gab und Menschen dazu neigten stichhaltige und überzeugende Antworten zu ihrer eigenen Zeit zu senden.

 

Dann kamst Du und hast die Welt aus den Angeln gehoben, indem Du einen Konversationsschmelztiegel eingeführt hast der weder komplett Echtzeit noch vollständig Asynchron ist. Du bist irgendwo zwischendrin:

Du bist Asynchronisch

 

Zuerst klang das für mich verlockend – es wäre das Beste aus beiden Welten! Es stand mir immer frei jemandem einen Halbsatz zu schicken. Und wenn derjenige in der Stimmung war, würde spontan eine richtige Unterhaltung daraus entstehen ohne die Notwendigkeit die Plattform zu wechseln.

Nachdem ich Dich nun besser kennen gelernt habe, stelle ich fest das deine „asynchronische“ Seite weniger beeindruckend ist als ich zuerst dachte. Es führt alle dazu den ganzen Tag lang Halb-Konversationen zu haben, bei denen sich jeder dauernd durch ein langsam tropfendes Gespräch nach dem anderen dreht. Man muss diese Gespräche auch nie richtig beenden, denn „hey, es ist ja asynchron!“

(Wie würdest Du ein Treffen nennen das den ganzen Tag lang dauert, kein Thema hat und eine unbekannte Menge an Teilnehmern?)

Das führt dazu das man auf eine Antwort wartet und wartet und wartet – von jemand der vielleicht schon weiter gehüpft ist zur nächsten Diskussion. Schlimmer wird es noch dadurch das Du nicht mal anzeigst das die Person gar nicht mehr im gleichen „Kanal“ ist, zum Beispiel indem der Status Anzeiger ausgegraut wird.

Wird er in 5 Sekunden antworten oder in 5 Stunden? Wer weiß! Es ist als ob man in so einer Support Chat Hölle gefangen ist, wo ein überlasteter Callcenter-Typ versucht ein halbes Dutzend Gespräche parallel zu führen – nur, dass das den ganzen Tag so geht und mit jedem den ich kenne.

Und weil Du so ein Schweizer Taschenmesser der Kommunikation bist ist es wirklich schwer die Leute dazu zu bringen Dich mal eine Weile zu ignorieren und stattdessen eine echte Unterhaltung zu haben. Das fühlt sich dann schon zu sehr „wie eine Verabredung“ an und außerdem sind wir doch eh alle in WhatsApp, also warum nicht hierbleiben?

Und wo wir grade dabei sind…

Du hast meine Tage zu einem langen endlosen Frankenstein-Treffen gemacht

Ich denke wir sind uns einig, dass manche Verabredungen echt umständlich sind. Oberflächlich gesehen hast Du viele davon total überflüssig gemacht. Mir fallen sofort jede Menge Beispiele dafür ein in denen eine schnelle WhatsApp Rückfrage mir haufenweise persönlicher Umständlichkeit erspart hat. Dafür möchte ich Dir danken.

Trotzdem frage ich mich was der Preis dafür ist. Speziell wenn diese asynchronische Welt jede Minute in eine Gelegenheit für eine Unterhaltung verwandelt und damit meinen ganzen Tag in eine „Dauer-Verabredung“.

Ganztages-Verabredungen jeden Tag der Woche sind definitiv mehr Verabredungen als die die Du mir ersparst.

 

Dann ist da noch diese subtile Nebenwirkung von diesem asynchronischen Gerede: die Auswirkung auf die Entscheidungsfindung. Wenn irgendwas per Email verabredet wird, dann gibt’s da eine allgemeine Erwartung von mindestens 1-2 Stunden Reaktionszeit. In Dir kann man sich aber jederzeit zu allem verabreden und entscheiden.

Das ist super um das Tempo für Gemeinschaftsaktionen zu steigern. Aber es erzeugt auch tonnenweise Druck auf jeden Einzelnen JA NOCH MEHR WhatsApp Omnipräsenz aufrecht zu erhalten. Wenn jede Diskussion zu einer Entscheidung führen kann, dann erzeugt das einen ziemlich großen Anreiz an so vielen Diskussionen wie möglich teilzunehmen.

Schlimmer noch: die die am wenigsten zu tun haben, können am meisten Präsenz aufbringen. Was dazu führt das die eher Ungeselligen die Mehrheit der Diskussion repräsentieren. Gleichzeitig werden diejenigen die wirklich „echt“ sozial aktiv sind benachteiligt.

Du wirst immer mehr zu einer Art Schwarzem Loch für Aufmerksamkeit, welches sämtliche Gespräche und Aktivitäten mit seiner (zugegeben sehr charmanten!) Anziehungskraft aufsaugt.

Wo wir von Schwarzen Löchern reden…

Neuerdings bist Du ein bisschen Besitzergreifend.

Ich will’s mal so sagen, WhatsApp: ich wünschte ich wüsste wie ich Dich verlassen kann.

Als ich anfing das Gefühl zu haben unsere Beziehung könnte doch ein bisschen zu viel sein, da beschloss ich ein paar Tage frei zu nehmen. Mit Email war das nie ein Problem, ich habe einfach die „Automatisch antworten“ Funktion eingeschaltet und alles war gut.

Mit Dir gibt’s aber anscheinend keine andere Möglichkeit unsere Beziehung zu deeskalieren als sich ein paar Tage komplett abzumelden. Da ist kein allgemeines Sicherheitsventil, das sicherstellt das wir nicht kurz davor sind zusammen Hand in Hand über eine Klippe zu fahren, wie eine sozio-digitale Variante von Thelma & Louise.

Ich bin in vielleicht 10 Chat Gruppen. Meine Kontakte sind sehr daran gewöhnt mich anzutexten (direkt oder öffentlich) egal ob ich online bin oder nicht. Es gibt also einen starken sozialen Druck diese Unterhaltungen dauernd fortzuführen, auch dann, wenn ich mein Smartphone mal ausgeschaltet habe.

Ich will die Menschen an denen mir etwas liegt ja wirklich nicht hängen lassen, aber ich finde einfach keine natürliche Art und Weise ihnen zu signalisieren das ich mal ein Weilchen weg bin und dass sie es vielleicht wo anders probieren sollten. Das scheint mir doch ein bisschen Besitzergreifend von Dir zu sein, egal ob Du das wolltest oder nicht. Wie nehme ich Urlaub ohne Dich mitzunehmen? Wie würdest Du mir helfen, wenn ich im Krankenhaus lande?

Tatsache ist, Du bist in null Komma nix von einer Neuheit zur Supernova mutiert. Das geht jetzt grade mal ein paar Jahre. Trotzdem benehmen sich Viele so, als wäre es unmöglich für sie sich zu erinnern wie das Leben so war bevor Du erschienen bist.

Du hast Dich total in meinem sozialen Gewebe verstrickt und ich mache mir langsam echt Sorgen über die Wirkung die Du auf meine Freunde, Kollegen und auch mich selber hast.

Wenn Du wirklich auf meiner Seite bist, dann lässt Du mich auch das Leben außerhalb Deiner Umarmung erleben. Du vertraust, dass ich zurückkommen werde, wenn es so weit ist. Wie man so sagt: wenn Du etwas liebst, lass es gehen.

Tut mir leid, aber ich brauch echt meinen eigenen Raum

Vielleicht wirst Du sagen ich habe Angst vor der Verpflichtung. Aber ich habe einfach nur keine Lust auf eine Beziehung, die scheinbar immer mehr meiner Zeit und Aufmerksamkeit aufsaugt und die verlangt das immer mehr meiner Interaktion mit anderen Menschen zuerst über Dich laufen muss.

Die letzten Tage habe ich ganz aufgehört Dich zu benutzen. Ehrlich gesagt ist es bemerkenswert zu sehen wie schwer es aus sozialer Sicht war sich von Dir zu lösen und wie hilfreich aus Sicht meiner Produktivität.

Es fällt mir wirklich schwer das zu sagen, weil ich Dich so liebe. Als Designer finde ich Dich SEHR attraktiv, in jeder Hinsicht. Die Art und Weise wie Du mich am Anfang begrüßt und eingeführt hast war Weltklasse. Die Leichtigkeit des Umgangs mit Dir ist noch besser.

Die Frage ist nicht die Qualität Deines Aussehens: Du bist perfekt gebaut und verstärkst genau die menschlichen Eigenschaften, die Du unterstützen sollst. Ich bin mir nur nicht sicher ob das die Eigenschaften sind von denen ich aktuell mehr in meinem Leben haben möchte. Die sozialen Gewohnheiten der Menschen die Dich benutzen sind im Vergleich zu Deinen wundervollen technischen Vorteilen doch eher enttäuschend.

Falls wir wieder zusammenkommen, dann erwarte ich schon das Du das Gesagte als fundamentales Design-Problem akzeptierst. Ausschalten ist ja mal ein Anfang, aber da gibt’s noch so viel mehr Möglichkeiten wie Dein Design die Zeit und Aufmerksamkeit des Benutzers schützen kann.

Ein paar davon wurden schon genannt, wie z.B. die Punkte der Leute grau zu färben die nicht „anwesend“ sind, ein „bitte nicht stören“ Modus oder längere Auszeiten mit einer automatischen Antwort nehmen zu können. Ich würde auch gerne mal wissen wie gut ich die Zeit mit Dir verbracht habe und nicht nur wie viel. Im Wesentlichen die Maxime: „mach es leichter das Bessere zu tun, und schwerer wenn es um das Schlechtere geht“.

Ich denke das es Aufgrund Deiner Beliebtheit und Deiner unglaublich talentierten Organisation niemand gäbe der besser geeignet wäre der Welt zu helfen besser – und vernünftiger – zu kommunizieren. Wenn Du das wirklich willst.

Bis dahin kannst mich immer über Email erreichen.

Dein M.B.

 

[1] Einstellungen – Datennutzung

[2] https://en.wikipedia.org/wiki/Continuous_partial_attention


 

(Nach einem Originaltext aus dem Englischen von S. Hulick, übersetzt und veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung)

Zum Übersetzer:

M.B. ist „Internet-Experte“ und besitzt seit ca. 8 Jahren diverse „Smartphones“. Er benutzt beruflich täglich Chat/Messenger Software und war auch privat schon mehrfach in Versuchung der attraktiven Verlockung von WhatsApp zu erliegen. Bis jetzt hat er widerstanden. Er fragt sich inzwischen ob er eines Tages alle seine Kommunikationsgeräte für immer ausschalten wird. Email benutzt er seit 1990.

Im selben Jahr beschloss Donald Knuth, inzwischen emeritierter Informatik-Professor an der Stanford Universität (und lebende IT-Legende) Email nicht mehr zu benutzen. Er fand das es ihn zu sehr von der richtigen Arbeit ablenkt. Donald Knuth findet, wenn jemand wirklich etwas von ihm will, dann kann er einen Brief auf Papier schreiben.

http://www-cs-faculty.stanford.edu/~uno/email.html

 

 


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