Versagensangst ist DER Leistungskiller

”If archer shoots just for fun he has all his skill.
If he shoots for score his hands tremble and his breath is uneasy.
If he shoots for a golden price he becomes mad and blind.
His skill was not lessened,
but the vision of the target changed him.”

Dieses alte chinesische Gedicht beschreibt, was passieren kann, wenn eine selbst- oder fremdbestimmte Zielvorgabe die Gedanken dermaßen stark dominiert, dass man den eigentlich bestens bekannten und sicher beherrschten Weg zu diesem Ziel nicht mehr findet. Bogenschützen nennen dieses Phänomen sehr treffend (bzw. im Resultat daneben schießend… 😉 ) “Zielpanik”.

Dieser psychologische Effekt droht gleichermaßen dem Schüler, der mit der Vorgabe “Du musst mindestens die Note X schreiben” in eine möglicher Weise versetzungsentscheidende Klausur geht, dem Studenten, der bereits einmal durch eine Prüfung gefallen ist und nun nur noch eine weitere Chance hat, wie auch dem Sportler, der mit aller Macht einen Titel gewinnen MUSS, weil er selbst und sein Umfeld das erwarten. Man begeht plötzlich ungewohnte – “unerklärliche” – Fehler, versteht einfachste Fragen nicht, kann sich an Dinge nicht erinnern oder Techniken nicht korrekt ausführen, die man eigentlich im Schlaf beherrscht, etc. Im schlimmsten Fall kann diese immense Drucksituation zu einem kompletten Blackout führen.

Aber warum wirkt die Fokussierung auf das Ziel so stark leistungsmindernd?

Weil sie die Konzentration von der eigentlich zu erbringenden Leistung auf das abstrakte Ziel umlenkt! Es gibt keine Technik, keine Taktik und kein Lernverfahren, mit dem man eine Trophäe gewinnen oder eine bestimmte Prüfungsnote erreichen kann. Konzentration bedeutet “gemeinsames Zentrum”, wie bei den konzentrischen Kreisen auf der Zielscheibe, die einen gemeinsamen Mittelpunkt haben. Volle Konzentration bedeutet, dass alle Sinne damit befasst sind, eine sportliche Handlung korrekt auszuführen, eine Fragestellung präzise zu erfassen oder Wissen aus dem Gedächtnis abzurufen, also den Weg fehlerfrei zu bewältigen, der zum Ziel führt. Mit jedem Sinneskreis, der diesen Fokus verlässt, weil er bereits auf das Ziel gerichtet ist, steigt das Fehlerrisiko und damit die Gefahr, das Ziel nicht erreichen.

Je mehr man Kinder also unter Druck setzt, in der Schule bestimmte Leistungen erbringen zu müssen, desto größer ist die Gefahr, dass sie versagen, obwohl sie das Potential für gute Leistungen haben und obwohl sie intensiv gelernt und geübt haben. Eine solche Drucksituation können Eltern auch ungewollt durch übertriebenes Lob und Belohnungen für gute Leistungen auslösen, weil Kinder sich dann häufig selbst unter Druck setzen, dieser unausgesprochenen Erwartungshaltung gerecht werden zu müssen. Langfristig kann der Teufelskreis aus Erwartung, Druck und Versagen schon bei Kindern und Jugendlichen zu Burn-out, Depression, selbstverletzendem Verhalten oder Flucht in Drogen und andere Süchte führen.

Praxisbeispiele

  • Ich hatte eine Schülerin im Englisch-LK, die mündlich bei 14/15 Punkten lag, aber in der ersten Klausur nur unerklärliche 7 Punkte schrieb. Darauf angesprochen meinte sie, sie habe sich selbst extrem unter Druck gesetzt, weil sie im Abitur mindestens so gut abschneiden wolle wie ihr älterer Bruder. Bei der nächsten Klausur war sie nach einer halben Stunde in Tränen aufgelöst, unter ihrem Tisch lagen mehrere zerknüllte Blätter und sie erklärte mir verzweifelt, sie könne gar keinen klaren Gedanken fassen. Ich sagte ihr, dass ich, falls sie auch diese Klausur unter Wert schriebe, für das Zeugnis nur die mündlichen Leistungen berücksichtigen und die Klausuren ignorieren würde. Erstaunter Blick, kein Scherz? Nein, versprochen! Ergebnis: 13 Punkte! 🙂
  • Wenn ein Musiker, der bei Auftritten so gut wie nie Fehler macht, gesagt bekommt, dass sein Verbleib in der Band von seiner Fehlerquote abhängt und er es nicht schafft, diesen Gedanken beiseite zu schieben, wird er mit hoher Wahrscheinlichkeit mehr Fehler machen, weil er nur noch auf Fehlervermeidung fokussiert ist und nicht mehr unbefangen und mit Spaß spielen kann.
  • Wenn ein Basketballspieler weiß, dass er vom Coach spätestens beim zweiten Fehler ausgewechselt wird, steigt aus demselben Grund seine Fehlerquote.
  • Beim Schulwettbewerb JTFO (Jugend trainiert für Olympia) hatte ich vor etlichen Jahren beim Landesentscheid ein klar überlegenes Team, das mit dem Turniergewinn zum Bundesfinale nach Berlin gefahren wäre. Kurz vor dem Halbfinale kamen aber Mitarbeiter eines Sportartikelherstellers in die Halle und bauten die Ausstattung (Trainingsanzüge,Trikots, Schuhe, Taschen…) auf, die das Siegerteam gewinnen würde. Meine Spieler diskutierten begeistert über Farben, Trikotgrößen, etc. – und verloren das Halbfinale gegen eine deutlich schwächere Mannschaft. Hier war anfangs keine Angst im Spiel, sondern Ablenkung durch die sicher erscheinende Belohnung. Als dann das Spiel nicht so lief wie erwartet, kam Nervosität dazu und am Ende Angst, die Reise zu verpassen, allesamt Ablenkungen vom eigentlich erforderlichen Fokus: Gut spielen und die beste Leistung abrufen.
  • Auch die deutsche Fußball-Nationalmannschaft fiel 2018 vermutlich diesem psychologischen Effekt zum Opfer. Die alternativlose Vorgabe, diesen Titel verteidigen zu wollen/sollen/müssen, schien die Spieler zu lähmen. Im entscheidenden Spiel gegen Südkorea war die Angst vor Fehlern greifbar und machte das Spiel langsam, statisch und mutlos.

Was lässt sich dagegen tun?

  • Die einzig legitime und hilfreiche Erwartung, die LehrerInnen, Eltern und TrainerInnen (sowie Führungskräfte im beruflichen Umfeld) formulieren sollten, ist die, sich durch Lernen, Üben und Training optimal auf die Prüfungs- oder Wettkampfsituation vorzubereiten, denn nur unter dieser Voraussetzung ist man in der Lage, seine beste Leistung abrufen, und in der Regel klappt das dann auch. Wenn nicht, muss man sich keine Vorwürfe machen (lassen) und kann sachlich an die Fehleranalyse gehen, um auf die nächste Situation noch besser vorbereitet zu sein.
  • Lob für gute Leistungen ist grundsätzlich wesentlich leistungsfördernder und motivierender als Tadel und Vorwürfe oder gar Strafen für schlechte Leistungen. Hat jemand einen Fehler begangen bzw. eine schlechte Leistung erbracht, braucht er v.a. Aufmunterung, es beim nächsten Mal besser zu machen und nicht aufzugeben. Lob sollte sich allerdings auch in einem vernünftigen Rahmen bewegen, es kann – wie oben beschrieben – auch kontraproduktiv wirken, wenn bei jeder Kleinigkeit überschwängliche Jubelarien angestimmt werden. Finanzielle Belohnungen für gute Noten sind keine gute Idee, denn einerseits sollten Kinder v.a Eigenmotivation für gute Leistungen entwickeln, andererseits kann die Aussicht auf eine materielle Belohnung den Fokus verschieben und unnötigen Druck erzeugen. Statt dessen sollte man sein Kind nach einer starken Leistung lieber in den Arm nehmen und ihm ein Küsschen auf die Wange drücken – aber Achtung, manche Teenager mögen das gar nicht, schon gar nicht vor anderen Leuten! 😉

Alle Bilder: Pixabay, CC0-Lizenz


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