Test: Kinderschutzsoftware „Screen Time“

Eines vorweg: Keine Software kann einen zuverlässigen Kinderschutz garantieren und Eltern die Verantwortung abnehmen. Sie können sie lediglich bei der Medienerziehung durch inhaltliche und zeitliche Einschränkungen unterstützen. Jede Software enthält Fehler und Lücken und auf Youtube finden sich reichlich Tutorials zur Umgehung solcher Sperren. Bei Kindern bis maximal 12/13 Jahren können Schutzprogramme hilfreich sein. Teenager von bestimmten Internetinhalten fernzuhalten, ist schlicht unmöglich, hier helfen nur vertrauensvolle Gespräche. Auf der technischen Seite kann man bei Jugendlichen nur noch zu bestimmten Zeiten, v.a. nachts, die Geräte einziehen bzw. das heimische Internet abschalten – vorausgesetzt, sie haben sich nicht heimlich ein Zweithandy angeschafft und kennen das WLAN-Passwort des Nachbarn nicht… 😉

„Screen Time“ ist eine Kinderschutz-App, mit der sich die Nutzung von Smartphones die unter den Betriebssystemen Android (Google) und iOS (Apple) laufen, einschränken und kontrollieren lässt. Ich habe sie unter Android getestet, die Funktionalität auf iPhones ist teilweise unterschiedlich.

Die App wird im Google Play Store mit 4.0 von 5 Sternen bewertet, wobei die meisten 1-Stern-Bewertungen offensichtlich von genervt-wütenden Kids stammen, was schon einmal grundsätzlich für eine gewisse Wirksamkeit der App zu sprechen scheint 😉

Im Web: https://screentimelabs.com

Funktionen

Kostenlose Version:

  • Fernkontrolle auf Elterngerät
  • Web- & Suchverlauf
  • 1 Gerät pro Kind
  • Passwortschutz gegen Deinstallation

Premiumversion zusätzlich (3,39 €/Monat oder 33.99 €/Jahr)

  • Remote device monitoring
  • Remote settings
  • Zeitlimit für die tägliche Nutzung
  • Blockieren bestimmter Apps
  • Unbegrenzte Anzahl Geräte pro Kind
  • Aufgaben
  • Play & Pause (Einschränkungen vorübergehend aufheben oder Handy spontan sperren)
  • Sperrung des Handys zu Schlafens- und Schulzeiten (iPhone: Alle Apps blockieren, Android: bestimmte Apps blockieren)
  • Täglicher Bericht per E-Mail
  • 24/7 Kundensupport (englisch)

Weitere Details zur Funktionalität finden sich unter https://play.google.com/store/apps/details?id=com.screentime.rc&hl=de

Das Webinterface von Screen Time

Die Bezeichnung „Kindersicherung“ verdient die App demnach nur in der Premiumversion, denn Zeitlimits und Appkontrolle sind unverzichtbare Eigenschaften für diesen Zweck. Was allerdings keine App ermöglicht, ist die Kontrolle der Inhalte, die über populäre Apps wie WhatsApp, Snapchat, oder Instagram verschickt und empfangen werden, aber genau das ist der kritischste Bereich auf Smartphones. Durch Screen Time und andere Apps erfahren Eltern nur, wann und wie lange eine App genutzt wurde, aber nicht welche Inhalte damit geteilt wurden.

Für eine komplette Kinderschutzapp fehlen Funktionen wie ein Webfilter, Einschränkung auf bestimmte WLANs, abschalten von Blueooth, mobilen Daten, etc. Die App erlaubt nur, generell sämtliche Einstellungen des Handys zu blockieren.

Webfilterung mit einer Whitelist (nur zugelassene Seiten) lässt sich nachrüsten, indem man die Standardbrowser auf dem Handy blockiert und statt dessen einen Kinderbrowser wie den „ChicoBrowser„, „Meine Startseite“ oder „FragFinn“ installiert, über den nur kindgerechte Seiten aufgerufen werden können. Über Messenger verschickte Inhalte sowie die Inhalte von Youtube, Google, Bing und Co. lassen sich nicht wirksam filtern, hier geht nur „alles oder nichts“.

Grundsätzlich besteht bei jeder technischen Kindersicherung die Gefahr, dass Eltern sich darauf verlassen und sich nicht mehr oder nicht ausreichend persönlich kümmern und mit dem Kind sprechen, während die Kinder Möglichkeiten finden, die Einschränkungen zu umgehen.

Handyoberfläche für die Eltern

Beispiel: Auf dem Gerät des Kindes muss zusätzlich zu „Screen Time“ der „Screen Time Compagnon“ installiert werden, der sich als Geräteadministrator einrichtet und die App durch ein Passwort gegen Deinstallation durch das Kind sichert. Das Kind kann zwar das Administratorkonto deaktivieren, dann erhalten die Eltern allerdings eine entsprechende Nachricht per Mail. Versetzt man aber das Handy zuvor in den Flugmodus, wird die Mail nicht versandt, auch nicht, wenn die Datenverbindung danach wieder aktiviert wird. Zudem besteht unter Android grundsätzlich die Möglichkeit, das Handy durch eine Tastenkombination beim Einschalten auf Werkseinstellungen zurück zu setzen. Dagegen hilft dann nur, dem Kind klar zu machen, dass das Handy weggenommen wird, wenn solche Aktivitäten auffallen.

Von daher lautet meine Empfehlung weiterhin, einem Kind erst ein Smartphone zu überlassen, wenn es reif genug ist, mit einem solchen Hi-Tech-Gerät souverän und eigenverantwortlich umzugehen, ohne dass es altersgemäß eingeschränkt werden muss. Dieses Alter beginnt nach meiner Einschätzung mit ca. 14 Jahren, also im Jugendalter, wobei der Entwicklungsstand von Kindern und Jugendlichen um plusminus zwei Jahre vom kalendarischen Alter abweichen kann. In diesem Alter benötigt man dann für die notwendigen Einschränkungen keine Jugendschutzsoftware, sondern Gespräche, klare Regeln, Grenzen und Konsequenz bei Regelverstößen. Das Handy hat nachts im Kinderzimmer nichts verloren, damit für ausreichend Schlaf gesorgt ist, und auch bei Hausaufgaben und am Esstisch sollte es tabu sein – die Eltern müssen diesbezüglich allerdings auch Vorlbild sein! Werden die vereinbarten Regeln missachtet, wird das Handy für eine Zeitlang eingezogen – das ist deutlich wirksamer als jede Software, die dank Google und Youtube spielend leicht umgangen werden kann. Der technische Wettstreit mit Jugendlichen ist kaum zu gewinnen, insbesondere für technisch weniger versierte Eltern, auf der erzieherischen Ebene stehen die Chancen ungleich besser.

Dass man Kindern und Jugendlichen mit technischen Sperren einen altergemäßen und vernünftigen Umgang mit digitalen Medien vermitteln kann, ist ohnehin Utopie. Kein Algoritmus kann Eltern ersetzen. Eine App kann aber immerhin verhindern, dass Kinder vereinbarte Einschränkungen und Zeitlimits aus reiner Begeisterung schlicht vergessen. 🙂

Berichtsfenster für Eltern

Wer seinem Kind bereits ein Smartphone überlassen hat und dieses nun nicht wieder wegnehmen möchte, findet mit der kostenpflichtigen Variante „ScreenTime“ eine brauchbare App zur Unterstützung bei der Medienerziehung, sollte sich aber auch die Alternativen ansehen, die im Play Store unter dem Stichwort angeboten werden. Die Kommentare und Bewertungen zu den Apps sind dabei eine wertvolle Entscheidungshilfe. Letzten Endes kommt man aber nicht daran vorbei, solche Apps selbst zu testen.

 


Kommentare

Test: Kinderschutzsoftware „Screen Time“ — 53 Kommentare

  1. Es scheint problemlos zu funktionieren (nach der Testphase hoffentlich auch noch 🙂
    Herzlichen Dank!

  2. Na wunderbar 🙂 Aber, wie im Artikel schon beschrieben, man kann sich auf technischen Kinder-/Jugendschutz nicht zu hundert Prozent verlassen. Die aktuelle c’t bringt es auf den Punkt: „Doch kein Schutz ist letzendlich lückenlos und nicht jede kreative Umschiffung können die Erziehungsberechtigten vorher erahnen. […] Daher ist es auch mit aktivem Kinderschutz wichtig, regelmäßig mit dem Nachwuchs über das Nutzungsverhalten zu reden und potenziell negative Erfahrungen anzusprechen.“
    https://www.heise.de/select/ct/2019/17/1565694370752853

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