R@tlos am Rechner

Computerraum, Klasse 8, Englisch, wir erstellen Präsentationen über die Stadt Liverpool, ich rotiere zwischen 27 Kids und helfe. 90 % der Fragen in dieser Doppelstunde beziehen sich allerdings nicht auf Englisch, sondern auf elementarste PC-Kenntnisse.
“Ich weiß mein Passwort nicht/hab’s nicht dabei!” (“Du hast doch ein Smartphone, warum hast du es da nicht gespeichert?” – “Stimmt, das könnte ich ja machen…!”)
“Wo ist hier Powerpoint?”
“Wie mache ich eine neue Folie?”
“Wie kriege ich das Bild da rein?”
“Wie stellt man die Sprache um?”
“Wie kriege ich die roten Kringel unter den Wörtern weg?”
“Wie speichere ich das?”
“Wie lädt man das hoch/kann ich mir das schicken?”
“Wie kriege ich das auf den USB-Stick?”
Und mein Highlight: “Wie mache ich ein @?”
 
Meine “Generation Smartphone” sagt offen von sich selbst “Wir kennen uns am PC nicht aus”.
Eine Schülerin darf zuhause nicht an den Laptop, weil Papa Angst hat, dass sie ihn kaputt macht! Aber mit WhatsApp, Snapchat, Instagram und Fortnite sind die Kids fit…
Die Klasse sagt mir, dass sie im ganzen Schuljahr bis heute noch nicht einmal im Computerraum war, der in meinen Englischstunden leider immer von Kursen fest belegt ist. Und die Schultablets funktionieren seit Wochen nicht, weil das W-LAN umgebaut wird (immerhin haben wir WLAN, davon träumen viele andere Schulen).
Ich würde gerne in jeder Stunde digitale Medien einsetzen, sie machen das Arbeiten effizient, erhöhen die Motivation und bereiten die Kids auf ihre digitale Arbeitszukunft vor. Aber wenn elementare IT-Kenntnisse fehlen – und die fehlen den Smartphonekids noch weit mehr als den Generationen davor, weil sie nur noch bequem tippen und wischen – kann von Effizienz im Unterricht keine Rede sein.
Vielen Kids werden weder zuhause noch in der Schule wenigstens die IT-Grundkenntnisse vermittelt, die zum Überleben in der digitalisierten Arbeitswelt unverzichtbar sind. Zum produktiven Arbeiten sind Smartphones nur sehr begrenzt zu gebrauchen, Bildschirm und Tastatur sind einfach zu klein, wenn es um das effiziente Erstellen von Präsentationen, größeren Textdokumenten, Tabellen, Videoschnitt, Bild- und Musikbearbeitung etc. geht. Auch das Bearbeiten von E-Mails geht am Rechner deutlich schneller und komfortabler als am Smartphone – wobei E-Mail für meine Achtklässler total oldskool ist. Das Einrichten der schulischen E-Mail-Adressen samt selbstgewähltem (und zu merkendem!) Passwort hat einiges an Unterrichtszeit verschlungen, ebenso wie die Anmeldung beim Microsoft-Messenger “Yammer”, inklusive Beitritt zur Klassengruppe.
Grundbedingung für den Erwerb solider Office-Kenntnisse wäre, dass jede Klasse zumindest eine Schulstunde pro Woche an aktuellen PCs oder Tablets arbeitet, meine Klasse kam jetzt in knapp 3 Monaten auf gerade einmal 90 Minuten! Im Englischunterricht nutzen wir zwar regelmäßig auch die Smartphones der SchülerInnen, das beschränkt sich i.d.R. aber auf Vokabelapps und Recherche und ist eher eine Notlösung, da die privaten Geräte durch die zahlreichen installierten Messenger, Social Networks und Spiele ein permanentes, erhebliches Ablenkungspotential bergen. Zudem gilt es eine ganze Liste von Vorausetzungen abzuklären, um überhaupt mit BYOD (Bring Your Own Device, siehe Checkliste) arbeiten zu können.
Wenn die Nutzung digitaler Medien in der Schule intensiviert werden soll, müssen natürlich auch alle Lehrkräfte über entsprechende Medienkompetenz verfügen – womit wir bei der nächsten Großbaustelle angelangt sind!

Kommentare

R@tlos am Rechner — 1 Kommentar

  1. Solange es an deutschen Schule aktuell noch teilweise so aussieht, braucht man sich keine Illusionen machen, dass sich hier in den nächsten Jahren etwas ändert:

    https://abload.de/image.php?img=fullsizerenderg7q3l.jpg

    Selbstredend gibt es auch Nachbarschulen, die einen Medienraum mit 100.000€ teurer Ausstattung besitzen (Microsoft-Sponsoring sei Dank). Aber in den meisten Schulen steht es um die IT-Ausstattung und die Nutzungskompetenz des Lehrkörpers eher wie oben auf dem Bild: Ein großes Antiquariat!

    Aber wenn man sich die Computerräume unserer Schulen ansieht, merkt man, was Bildung den Regierungen der Länder wirklich wert ist.
    Nicht sonderlich viel! Nicht von alleine fehlen “plötzlich” zehntausend Lehrer bundesweit! 🙂

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