Bündnis gegen Cybermobbing stellt erneut nicht valide „Studie“ vor

Schade: Auch die 3. Studie des nebulösen „Bündnis gegen Cybermobbing“ ist das Papier nicht wert, auf das sie gedruckt wurde! Nach wissenschaftlichen Kriterien ist eine Studie valide (gültig), wenn sie tatsächlich das misst, was sie messen soll und somit glaubwürdige Ergebnisse liefert. Dies trifft hier, wie schon bei den => vorangegangen Umfragen in 2013 und 2017, nicht zu!

Erneut der Begriff „Cybermobbing“ nicht definiert und völlig falsch beschrieben:

Cybermobbing tritt vor allem in Form von Beschimpfungen und Beleidigungen auf, gefolgt von Gerüchten und Verleumdungen.“

Damit Mobbing vorliegt, müssen aber zwei Kriterien erfüllt sein: 1. Die Mobbingakteure (Haupttäter und Mitläufer) sind in der Mehrheit 2. Die Opfer sind nachhaltig betroffen. Eine Auseinandersetzung mit nur zwei Beteiligten kann kein Mobbing sein, „Mob“ bezeichnet eine Gruppe von Menschen, keine Einzelperson.

Bewertet man dagegen, wie in dieser Umfrage, jeden kurzfristigen Streit, jede Beleidigung, jedes verbreitete Gerücht oder ungefragt weitergeschickte Foto als Mobbing bzw. Cybermobbing, kommt man  auf absurd hohe Zahlen vermeintlicher Mobbingopfer: In diesem Fall 17,3 %, also ca. jede/r sechste Schüler/in. Bestätigt wird der dilettantische Eindruck durch miserabel aufgelöste Grafiken und Statistiken in der Publikation, die zum Teil kaum lesbar sind. Aber wie schon die beiden vorangegangenen Durchgängen wird auch diese „Studie“ (die diese Bezeichnung gar nicht verdient) gerade wieder unkritisch und alarmistisch von den Medien verbreitet. Zudem wurde in der Umfrage „Cybermobbing“ auch noch völlig konfus mit anderen Themen wie „Cybercrime“ und „Cybergrooming“ vermischt.

In der ebenfalls gerade erschienenen seriösen JIM-Studie (www.mpfs.de) geben 11% der 12-19jährigen an, schon einmal online „fertig gemacht“ geworden zu sein, 3 % mehr als 2019. Auch hier ist im Einzelfall zu prüfen, ob die Betroffenen darunter nachhaltig litten oder ob das temporäre Vorfälle ohne anhaltende Wirkung waren. Der Anstieg ist allerdings erheblich und bestätigt meinen Eindruck, dass digitale Eskalationen durch die Coronaumstände deutlich zugenommen haben – wenn Kinder und Jugendliche deutlich mehr Zeit online verbringen, gibt es deutlich mehr Gelegenheit für digitale Auseinandersetzungen: Die tägliche von Onlinezeit stieg laut der JIM-Studie von 205 Minuten im Jahr 2019 auf 258 Minuten in 2020!

Mobbing, offline wie online, ist ein ernstes Problem, das vor allem präventiv angegangen werden muss, aber solche unsauberen „Studien“ sind dabei nicht hilfreich, sondern kontraproduktiv. Dass in drei aufeinander folgenden Umfragen derselbe grobe Fehler begangen wurde, ist vollkommen unverständlich – es sei denn, es steckt eine alarmistische Absicht dahinter. Oder es liegt schlicht daran, dass die Autoren der Umfragen keine Pädagogen oder Psychologen sind, sondern Inhaber einer Marketingfirma.

https://www.buendnis-gegen-cybermobbing.de/aktivitaeten/studien.html

3 Gedanken zu „Bündnis gegen Cybermobbing stellt erneut nicht valide „Studie“ vor

  • 16. Februar 2021 um 17:03
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    @michael wanninger
    Ich habe mich gerade erst mit der Studie beschäftigt und habe zwei Medien gefunden, die sich kritisch mit der Studie auseinandersetzen. Auf der Website des Landesmedienzentrums Baden-Württemberg findet sich ein Interview mit einer Lehrerin und Präventionsbeauftragten (https://www.lmz-bw.de/statische-newsroom-seiten/cybermobbing-keine-chance-geben/) und ein Vermerk von Univ.-Prof. Dr. Ingrid Paus-Hasebrink, das mir nur als PDF vorliegt, sowie ein Statement der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz NRW (AJS) zur zweiten Ausgabe der Studie: https://ajs.nrw/wp-content/uploads/2015/05/2013-2.pdf

  • 7. Dezember 2020 um 10:42
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    Ich habe bisher nichts Kritisches dazu gefunden. I.d.R. werden da von den Medien Agenturmeldungen einfach unrecherchiert übernommen. Die Umfrage dürfte ansonsten in Ordnung sein, sie misst eben nur nicht, was sie vorgibt zu messen.

  • 7. Dezember 2020 um 09:52
    Permalink

    Vielen Dank für Mühe die wiederholten Schwachpunkte der Studie aufzuzählen. Leider haben ja kaum die anderen Medien sich die Mühe gemacht, die Studie kritisch zu prüfen.. Darum meine frage. Gibt aus der Wissenschaft/Fachwelt Personen, die sich ebenfalls mit der Studie beschäftigt haben und widerlegen können, was da alles nicht stimmt an der Messung/Durchführung?

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