Konzept zur schulischen Medienerziehung

Sowohl als Beauftragter für Jugendmedienschutz der Gutenbergschule Wiesbaden als auch in meiner Tätigkeit als Fachberater und Referent für das Staatliche Schulamt sowie das Hessische Kultusministerium arbeite ich seit 2003 an einem Gesamtkonzept, das dem Thema Medienerziehung innerhalb eines schulischen IT-Konzepts den notwendigen Stellenwert einräumt. Ein mögliches Gesamtkonzept für Hessen hatte ich bereits 2009 erarbeitet, die Umsetzung lässt allerdings bis heute auf sich warten.

Unser Konzept an der Gutenbergschule setzt sich, unter Einbeziehung der gesamten Schulgemeinde, aus folgenden Bausteinen zusammen:

  • Als Fachberater für Jugendmedienschutz am Staatlichen Schulamt halte ich Elternabende an Grundschulen zum Thema „Einblick ins digitale Kinderzimmer“ und biete pro Schuljahr unter dem Titel „Pubertät 2.0 – Einblick ins digitale Schülerleben“ mehrere jeweils fünfstündige Fortbildungen für Lehrkräfte, Schulsozialarbeit und Eltern an. Stand Oktober 2016 hatten daran 250 Lehrkräfte von 111 Schulen (von insgesamt 151) des Schulamtsbereichs Wiesbaden/Rheingau-Taunus teilgenommen.
  • Seit 2014 schreiben wir bereits vor den Sommerferien die Eltern der kommenden Fünftklässler der Gutenbergschule mit der Bitte an, den Kindern zum Wechsel in die weiterführende Schule kein Smartphone zu geben, sondern ein Tastenhandy ohne Internetzugang. Wir raten Eltern dringend davon ab, Kindern bereits in der Unterstufe internetfähige Smartphones zur Verfügung zu stellen! Ein Smartphone ist kein Telefon, sondern ein Hochleistungscomputer in Hosentaschengröße mit Vollzugriff auf die Erwachsenenwelt, dem Kinder nicht gewachsen sind, insbesondere wenn die Nutzung von den Eltern nicht intensiv begleitet und altersgemäß eingeschränkt wird.
    Klassenchats per WhatsApp (Altersfreigabe laut Anbieter: 16 Jahre!) oder anderen Messengern sind bei uns in dieser Altersklasse ausdrücklich nicht erwünscht, sie bieten kaum Nutzen, dafür aber ein erhebliches Stresspotential v.a. im Hinblick auf Mobbing und die Verteilung verstörender und jugendgefährdender Inhalte, insbesondere gewalthaltige und pornographische Fotos und Videos, aber auch Gruselkettenbriefe, die für schlaflose Nächte sorgen können. Der Faktor Zeitverschwendung ist in dieser Altersklasse ebenfalls erheblich, da diese Kinder noch nicht in der Lage sind, mit einem Smartphone einigermaßen souverän und selbstbestimmt umzugehen. In Zusammenarbeit mit der Elternschaft haben wir erreicht, dass es in der Klassenstufe 5 keine Klassenchats gibt, was für die Kinder, Eltern und Lehrkräfte deutlich stressvermeidend wirkt.
  • Unsere Handyempfehlung:
    – Notfallhandy (kein Smartphone, kein Internet) ab Klasse 5
    Smartphone ab Klasse 8, aber ohne mobiles Internet
    Smartphone mit mobilem Internet ab 16 Jahren
    – Eine SIM-Karte mit Vertrag ist erst ab 16 Jahren zu empfehlen, davor verhindert eine Prepaidkarte zuverlässig unangenehme finanzielle Erfahrungen am Monatsende.
    – Eltern empfehlen wie, die Handys der Kinder vor dem Abendessen einzusammeln und morgens wieder auszugeben, um ungestörten Schlaf zu garantieren. In der Klassenstufe 7 laufen an Wochentagen über Nacht ca. 500 Nachrichten im WhatsApp-Klassenchat auf! Eine aktuelle hessische Studie mit 10.000 Schülern und Azubis bescheinigt zwei Dritteln dieser Altersgruppe ein medienbedingtes Schlafdefizit an Wochentagen von durchschnittlich zwei Stunden! Ein dauerhaftes Schlafdefizit während der Pubertät kann laut dieser Studie gravierende gesundheitliche Konsequenzen zur Folge haben, von der Beeinträchtigung der schulischen Leistungen ganz zu schweigen.
    handyausstattung-jgst-5-gbs-2016Im Schuljahr 2016/17 stellt sich der Handybesitz in der Jahrgangsstufe 5 wie folgt dar:
    Kein Handy: 12 %, Notfallhandy: 29 %, Smartphone ohne mobiles Internet: 36 %, Smartphone mit mobilem Internet: 23 %.
    Mit diesen Zahlen sind wir nicht zufrieden, sie liegen dennoch deutlich niedriger als an anderen Schulen, die in dieser Altersklasse teilweise „Vollversorgung“ melden. Das Killer-Argument „aber alle anderen haben das!“ können Eltern von Fünftklässlern an der Gutenbergschule jedenfalls locker abtropfen lassen… 😉
    Laut Umfrage besitzen in den sechs fünften Klassen zwischen 9 und 25 Kinder ein Smartphone, im Durchschnitt sind es 17. Ein Blick auf die in den Klassen vertretenen abgebenden Grundschulen offenbart eine klare Ursache dieser auffälligen Differenz: Während zahlreiche Grundschulen im Einzugsbereich inzwischen Elternabende zum Thema Medienerziehung veranstalten und KollegInnen zu den Fortbildungen im Medienzentrum Wiesbaden schicken, scheint das Thema bei anderen noch gar nicht angekommen zu sein.
  • Unseren Eltern bieten wir Hilfestellung bei der Medienerziehung, die viele am liebsten „outsourcen“ würden, weil sie sich damit überfordert fühlen. Den Elternabend zum Thema Medienerziehung für die Klassenstufe 5 hat der Schulelternbeirat einstimmig für verbindlich erklärt, mit über 90% Anwesenheit ist diese Veranstaltung dementsprechend gut besucht. Die Handreichung dazu mit allen Vortragsfolien findet sich unter www.medien-sicher.de/downloads/handbuch-jugendmedienschutz
    Über diese Website, den Newsletter und den E-Mail-Verteiler des Schulelternbeirats versorgen wir unsere Elternschaft regelmäßig mit Updates zum Thema.
  • Schülerinformation: Zusätzlich zu den Multimediatagen in den Klassenstufen 5 bis 8 gibt es bereits seit Herbst 2008 eine gemeinsame doppelstündige Veranstaltung für alle neuen Fünftklässler zum Thema „Sicher im Internet!“ Ergänzend dazu finden im Schuljahr 2016/17 zusätzlich mehrere (je nach Bedarf) Einzelstunden in den einzelnen fünften Klassen statt, in denen Fragen beantwortet und Details besprochen werden.
  • Eine Doppelstunde zu Beginn der Jahrgangsstufe 7 zum Thema „Cybermobbing„, in das anhand des Kurzfilms (6:31 Minuten) „Let’s fight it together“ eingeführt wird, der Ursachen und Rollenverteilung sowie Konsequenzen für Betroffene und Täter sehr gut darstellt. Im Anschluss wird mit den SchülerInnen besprochen, wie sich Cybermobbing verhindern, erkennen und stoppen lässt, dazu gibt es Tipps zur sicheren Verwendung populärer Apps wie WhatsApp, Snapchat und Instagram. =>Material dazu
  • Lehrerfortbildung: Kontinuierliche Information und Fortbildungsangebote für das Kollegium vermitteln Beratungskompetenzen im Umgang mit den neuen Medien. An der einmal pro Schuljahr angebotenen schulinternen dreistündigen Fortbildung nimmt regelmäßig ca. ein Viertel des Kollegiums teil.
  • Zusammenarbeit mit der „Zentralen Jugendkoordination“ des Polizeipräsidiums Westhessen sowie dem „Netzwerk gegen Gewalt“, um bei neuen Entwicklungen und akuten Vorfällen kurzfristig reagieren zu können.
  • Die private Nutzung mobiler digitaler Endgeräte – Handys, Spielekonsolen, Tablets, Notebooks, etc. – ist an der Gutenbergschule grundsätzlich nicht gestattet, davon ausgenommen sind die Aufenthaltsräume der Oberstufe. Bei Verstößen gegen diese Nutzungsordnung (siehe Hausordnung, Absatz 3) werden die Geräte konfisziert und müssen von einem Elternteil im Sekretariat abgeholt werden.
  • Über den Einsatz privater Geräte im Unterricht entscheiden die Lehrkräfte, hier arbeiten wir allerdings vorzugsweise mit den schuleigenen PCs und Tablets, da diese deutlich weniger Ablenkungspotential aufweisen als private Smartphones mit WhatsApp, Videospielen etc., zudem finden damit alle SchülerInnen gleiche Voraussetzungen vor und Kinder ohne Smartphone fühlen sich nicht außen vor.

Mit diesem Gesamtpaket haben wir erreicht, dass es an der Gutenbergschule nur sehr wenige durch Mediennutzung bedingte Vorfälle gibt. Während wir uns im vergangenen Schuljahr nur um zwei gravierende Fälle kümmern mussten, berichten mir im Rahmen meiner Fortbildungstätigkeit viele Schulleitungen, dass sie sich fast wöchentlich damit befassen müssen, zumeist im Zusammenhang mit WhatsApp und Klassenchats.

Es mussan dieser Stelle betont werden, dass es für die aufgeführten Aktivitäten an der Schule kein Deputat und keinen Platz in der offiziellen Stundentafel gibt (Medienerziehung ist laut Schulgesetz ein fächerübergreifendes Thema ohne Stundenzuweisung), sie sind nur durch zusätzliches Engagement möglich und die Schülerveranstaltungen gehen zu Lasten regulärer Unterrichtsinhalte – was sich unter dem Strich aber rechnet, da wir damit viel Zeit gewinnen, die nicht für die Klärung und Aufarbeitung medienbedingter Zwischenfälle aufgewendet werden muss.

Allerdings darf nicht verschwiegen werden, dass die Gutenbergschule als alteingesessenes Gymnasium mit Schwerpunkt Französisch über eine vergleichsweise pflegeleichte Schülerklientel aus Elternhäusern mit überwiegend hohem Bildungshintergrund verfügt. Meine Aktivitäten an zahlreichen hessischen Schulen haben gezeigt, dass die Teilnahmequote bei Medienelternabenden sehrt stark vom Bildungshintergrund der Eltern abhängig ist. Trotz des immer gleichen, sehr verbindlich formulierten Einladungstexts nehmen an manchen Schulen sogar weniger als 10% der eingeladenen Eltern an einem solchen Elternabend teil, was bedeutet, dass deutlich mehr Zeit in die direkte Arbeit mit den SchülerInnen investiert werden muss – bei der man medienerzieherische Aspekte natürlich nicht ansprechen kann.

Inhaltliche Schwerpunkte im Bereich Medienerziehung & Jugendmedienschutz:

  • Schutz der Privatsphäre / Datenschutz im Internet
  • Soziale Netzwerke und Messenger
  • Das Recht am eigenen Bild
  • Cyber-Bullying (Onlinemobbing)
  • Sicherer Umgang mit Email und Passwörtern
  • Exzessive Mediennutzung und Schulversagen
  • Problematische Internetinhalte
  • Computersucht – eine moderne Krankheit
  • Downloads und Urheberrecht, was ist legal?
  • Plagiate – alles nur geklaut?
  • Vermeidung von und Umgang mit Kostenfallen
  • Schutz vor Schadsoftware
  • Datensicherung

Günter Steppich

Beauftragter für Neue Medien an der Gutenbergschule Wiesbaden
IT-Fachberater für Jugendmedienschutz am Staatlichen Schulamt Wiesbaden/Rheingau-Taunus-Kreis
Referent für Jugendmedienschutz am Hessischen Kultusministerium