Das schiefe Bild vom „Digitalen Eingeborenen“

Die Generation der Digital Gestrandeten

Beim Vorwärts Medienkongress am 30.11.2012 in Frankfurt/M. wurde von einem Teilnehmer wieder einmal Marc Prenskys vielzitierter Begriff der „Digitalen Eingeborenen“ bemüht, ein Bild, dass ich schon immer schief fand, weil Eingeborene sich in ihrem Dschungel bestens auskennen. Sie wissen, wie, wann und wo man sich dort sicher bewegt, welche Tiere harmlos oder gefährlich sind, wo sie Wasser und Nahrung finden, welche Früchte genießbar oder giftig sind, etc.

Sie wissen das, weil ihre Eltern es ihnen vermitteln und ein Auge darauf haben, dass den neugierigen Kleinen nichts passiert, bis sie alt genug sind, um auf sich selbst aufzupassen. Diese wichtige Voraussetzung erfüllen aber nur sehr wenige Eltern der „Generation Kassettenrekorder“.

Von daher ist das passende Bild für die große Mehrheit der Generation Internet eher eine unbewohnte Insel, auf der es keine Erwachsenen, aber eine Menge unbedarfter Kinder gibt, „Digital Gestrandete“, die sich in diesem Dschungel alleine durchschlagen müssen und dabei allzu oft nach dem Prinzip „aus Schaden wird man klug“ lernen müssen.

Bei dieser Vorstellung fällt der Blick des Englischlehrers auf William Goldings Roman „Lord of the Flies“ („Herr der Fliegen“). In dem Klassiker von 1954 beschreibt Golding (ein ehemaliger Lehrer…), was passiert, wenn eine durch einen Flugzeugabsturz auf einer Karibikinsel gestrandete Gruppe 6-12jähriger Kinder versucht, sich in dieser Situation ohne Unterstützung und Aufsicht Erwachsener zurecht zu finden. Die geringsten Probleme sind dabei noch Durchfall und Übelkeit durch den übermäßigen Verzehr unbekannter Früchte.

Zu Beginn herrscht Einigkeit, dass die Regeln, die in ihrer alten, zivilisierten Welt galten, auch in der neuen Umgebung aufrechterhalten werden sollen, dennoch gibt es ein erstes Todesopfer durch ein mangels Erfahrung außer Kontrolle geratenes Signalfeuer.

Nach diesem Erlebnis lassen sich einige sehr schnell von archaischen Instinkten leiten, sondern sich ab, provozieren einen brutalen Machtkampf, quälen und bestehlen die anderen, es gibt Tote und Verletzte. Als am Ende der Rettungstrupp auf der Insel eintrifft, brennt der Dschungel lichterloh und ein Offizier, der den Ernst der Lage immer noch nicht erfasst hat, sagt grinsend zu einem der Jungen: „We saw your smoke. What have you been doing? Having a war or something?“ Und der Junge nickt…

Wer wie ich in der Medienbildung aktiv ist und sich darum bemüht, die im Umgang mit dem digitalen Dschungel nötigen Kenntnisse zu vermitteln, muss immer wieder feststellen, dass das erste Problem schon darin besteht, überhaupt einen „Rettungstrupp“ zusammen zu stellen, will heißen, es ist sehr schwierig, Eltern und Lehrer davon zu überzeugen, dass sie sich auf die digitale Inseln begeben und nach ihren Kindern schauen müssen. „Och nö, davon habe ich doch gar keine Ahnung, das sollen andere machen, die sich damit auskennen!“ – „Ach, dieses digitale Gedöns interessiert mich nicht, aber meine Kinder kommen damit schon klar…!“ – „Ich habe keine Zeit für sowas, ich muss arbeiten, wann soll ich das auch noch machen…?“ Und so gibt es zu diesem Thema häufig Elternabende und Lehrerfortbildungen, bei denen Referenten ernüchtert vor einstelligen Zuhörerzahlen stehen.

Umso größer sind allerdings Gezeter und Geschrei, wenn die Insel unübersehbar brennt und die Erwachsenen unsanft aus der digitalen Lethargie aufgeschreckt werden, weil das eigene Kind online massiv gemobbt wird, weil vierstellige Abmahnungen ins Haus flattern, weil sich der Nachwuchs bei Facebook bis auf die Knochen blamiert hat oder weil zur Geburtstagsparty 300 ungebetene Gäste im trauten Heim aufschlugen.

Nicht gerade hilfreich ist in diesem Zusammenhang eine eher überschaubare Gruppe Erwachsener, nennen wir sie mal die „Digital Naiven“, die sich längst ihre eigene digitale Insel erobert haben, dort (zum Teil auch nur vermeintlich) bestens klar kommen, aber die Schiffe, mit denen sie vom analogen Festland übergesiedelt sind, konsequent hinter sich verbrannt haben. So bekommen sie in ihrer digitalen Enklave gar nicht mit, mit welchen Problemen die Masse ihrer Altersgenossen auf dem Weg in die digitale Welt zu kämpfen hat, und sie sehen auch nicht die vielfältigen Probleme auf den Inseln der Kinder, die ihrer Ansicht nach „alles voll im Griff haben“.

Also liebe Eltern, liebe Lehrer: Schnappt euch eine Fähre, ein Boot, ein Surfbrett, ein Stück Treibholz oder ein paar Schwimmflügel, fahrt, paddelt, surft oder schwimmt auf diese Insel und schaut, was eure Kinder da tun – am besten bevor der Dschungel brennt, denn die Feuerwehr ist unterbesetzt und die Insel ist verdammt groß!


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Spamschutz * Das Zeitlimit ist abgelaufen. Bitte laden Sie die Spamschutzrechnung neu.