Ministerin Schwesig will mehr Jugendschutz im Internet

http://www.welt.de/politik/deutschland/article139561643/Schwesig-will-Jugendschutz-im-Internet-verbessern.html

Prinizpiell ist diese Zielsetzung natürlich zu begrüßen, zur konkreten Umsetzbarkeit werfen sich allerdings zahlreiche technische und v.a. auch pädagogische Fragen auf. Auch die Frage nach der Repäsentativität der genannten Studien muss gestellt werden, denn deren Ergebnisse decken sich nicht mit den Zahlen aus der aktuellen JIM-Studie 2014. Während etwa laut JIM-Studie 61 % aller Fünftklässler ein Smartphone besitzen, kommen die im Artikel zitierten Umfragen auf 75 %. Es bleibt abzuwarten, wie diese Umfragen methodisch durchgeführt wurden (lokal, regional, deutschlandweit,online, Telefonbefragung, Fußgängerzone…?) wieviele Eltern dafür tatsächlich befragt wurden und ob diese einen repräsentativen Querschnitt der deutschen Elternschaft widerspiegeln. Dass diese Umfragen der „WELT“ exklusiv vorliegen sollen, wirkt einigermaßen seltsam.

Die berechtigten Fragen, die sich die Ministerin in Bezug auf ihren achtjährigen Sohn stellt,

„Welche Medien gehören ins Kinderzimmer? Wann ist ein Kind alt genug für Internet und Smartphone? Wo finde ich altersgerechte und sichere Kinderangebote? Wie kann ich mein Kind schützen, ohne es ständig zu überwachen?“

lassen sich mit Filtersoftware nur begrenzt lösen, insbesondere Cybermobbing erfordert aktive Medienerziehung und lässt sich nicht einfach wegfiltern.

Insbesondere geht es dabei um eine Übereinkunft, dass eine international kompatible Jugendschutzsoftware automatisch auf Endgeräten wie Tablets und Smartphones vorinstalliert ist.

Diese Forderung ist berechtigt und käme insbesondere technisch weniger versierten Eltern entgegen, aber wie soll eine „international kompatible“ Software aussehen? Eine Software, die sämtliche Sprachen der Welt beherrscht, ist reine Utopie, und unter Experten ist unbestritten, dass die besten Filterprogramme mit dem Blacklist-Verfahren eine Quote von bestenfalls 80 % erreichen. Was das angesichts von Millionen Pornoseiten bedeutet, lässt sich leicht ausrechnen.
Wirklich effektiv filtern lässt sich nur nach dem Whitelist-Prinzip, bei dem eine Positivliste geprüfter Internetseiten freigegeben ist, während alle anderen Websites grundsätzlich gesperrt sind. Das gibt es in Deutschland bereits in Form der Whitelist von „FragFinn“, die in den aktuellen deutschen Jugendschutzprogrammen aktiviert werden kann, eine solche Liste „international kompatibel“ zu machen, ist definitiv unmöglich. Schon eine gemeinsame EU-Whitelist wäre eine wahre Herkules- oder vielmehr Sysiphosaufgabe. Zudem ist diese Art von Filterung nur bei Kindern sinn- und wirkungsvoll, für Jugendliche ist der Umfang von ca. 11.000 freigegebenen deutschen Websites viel zu gering und Eltern müssten permanent weitere Angebote prüfen und ggf. in die Whitelist eintragen. Zudem knacken Jugendliche, Google sei Dank, solche Sperren ziemlich mühelos, und sollten Papa/Mama zuhause tatsächlich alles im Griff haben, gibt es ja noch Freunde, Nachbarn und öffentliche WLANs, bei denen man sich einloggen kann…

Bliebe die Möglichkeit, Anbieter weltweit zu einer Alterskennzeichnung ihrer Inhalte zu verpflichten, auch das ist nicht realisierbar, es funktioniert schon national kaum zufriedenstellend.

Jeder Versuch, das Internet zu filtern, wirft zudem die Frage nach „Zensur“ auf – wer darf letztendlich entscheiden, welche Angebote kindgerecht sind und welche nicht? Dies in weltweiter Absprache zu realisieren ist ähnlich wahrscheinlich wie die Einigung auf eine einzige Weltreligion.

Außerdem will Schwesig sämtliche vorhandenen Informationsangebote für Eltern und Kinder unter einem Dach zusammenführen. Für Lehrer und Erzieher soll ein Servicebüro eingerichtet werden, das Informationen zur medialen Entwicklung aus Forschung und Praxis aufarbeitet und den Fachkräften mit telefonischer und Online-Beratung zur Seite steht.

Das ist sicherlich ein richtiger und wichtiger Schritt, aktuell gibt es ein ziemlich unüberschaubares Spektrum von derartigen Angeboten. Ob und wie sich diese effektiv  zusammenführen lassen, bleibt abzuwarten.

Eltern sehen sich zwar durchaus in der Verantwortung, wissen aber teilweise nicht, wie sie ihre Kinder über zeitliche Nutzungsbeschränkungen und pädagogische Gespräche hinaus sinnvoll beschützen sollen.

Diese Aussage ist überaus freundlich oder vielmehr beschönigend formuliert, die Praxis stellt sich leider ganz anders dar. Eltern wissen mehrheitlich nicht, wie sinnvolle Medienerziehung aussieht, und drei Viertel von ihnen möchten diese Aufgabe am liebsten an die Schulen abgeben – allerdings unterrichtet dort eine Lehrergeneration, die auch nicht medienkompetenter ist als die Elterngeneration und sich mit diesem Thema ebenfalls weitgehend überfordert fühlt. Erziehung ist primär Elternaufgabe, also auch Medienerziehung, das lässt sich nicht wegdiskutieren! Schließlich sind es auch die Eltern, die ihre Kinder mit Smartphones, Tablets und Computern ausstatten.

Bei der Frage, über welche Wege sie gerne weiter informiert würden, gaben die Eltern übrigens eine bemerkenswert analoge Antwort: An erster Stelle stehen Informationsbroschüren, Bücher und der gute alte Elternabend an der Schule.

Tja, der gute alte Elternabend… Nächste Woche halte ich wieder einen solchen Elternabend, nach den bisherigen Rückläufen werden ca. 15 % der Eingeladenen erscheinen, obwohl der Einladungstext sehr eindringlich formuliert ist. DAS ist leider absolut repräsentativ und korreliert nach der Erfahrung aus inzwischen ca. 200 Elternabenden sehr eindeutig mit dem Bildungshintergrund der Eltern! An einem Gymnasium mit gehobener Klientel erreicht man manchmal 50-60 % der Eltern, an Schulen in sozialen Brennpunkten liegt die Quote oft im einstelligen Bereich – meine persönlichen Tiefpunkte waren 9 von 500 Eltern an einer Grundschule und 49 von 1000 an einer Gesamtschule. Bei manchen Eltern beginnt das Problem schon damit, dass sie den Einladungstext sprachlich nicht verstehen und au diesem auch dem Vortrag nicht folgen könnten. Diesen Eltern nützen vorinstallierte Filterprogramme nicht wirklich, hier wären ganz andere, sozialpädagogische Konzepte erforderlich – diese sind dann aber erheblich teurer als eine Software, die sich für ein paar tausend Euro stricken lässt und vornehmlich das schlechte Gewissen beruhigt, dass man sich eigentlich viel zu wenig um die Mediennutzung seiner Kinder kümmert.

Fazit: Die Vorinstallation von Kinderschutzsoftware auf allen Geräten, die es auch wenig versierten Eltern ermöglicht, auf einfache Weise die Whitelist von FragFinn zu aktivieren, würde ich begrüßen. Alle anderen im Artikel genannten Vorsätze werden sich ziemlich sicher nicht realisieren lassen. Die wichtigste Aufgabe bleibt, Eltern dafür zu sensibilisieren, dass sie aktiv Medienerziehung leisten und ihre Kinder bei der Erforschung des Internets begleiten müssen. Und sie sollten sich auch sehr genau überlegen, in welchem Alter sie ihren Kinder Vollzugriff auf das Internet zutrauen und zumuten können, das nichts anderes ist als eine komplette Abbildung der Erwachsenenwelt – also auch alle möglichen Inhalte bietet, die man seinem Kind im offline-Leben aus gutem Grund ersparen möchte.

Um dieses Bewusstsein an Eltern heranzutragen, könnte man natürlich auch Lehrkräfte entsprechend fortbilden, aber das ist dann schon die nächste Baustelle…


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