Kinder, Nacktheit, Sexualisierung & Pornografie

5. Klasse: “Schreibt mal an die Tafel, was ihr am Internet doof findet”

Ich beobachte schon seit vielen Jahren zunehmend im Schwimmunterricht, dass sich Jungen in der 7. Klasse nicht mehr voreinander umziehen wollen, eine möglichst große Bermuda über die Unterhose ziehen und mit diesen beiden Hosen auch duschen. Danach brauchen sie ein möglichst großes Handtuch, um ihren Intimbereich krampfhaft-skurril zu verbergen. Erstmals fiel mir das bei meinem U14-Basketballteam, Geburtsjahrgänge 94/95 auf, die sich auch weigerten, die Umkleidekabine zu betreten, während sich das Herrenteam dort umzog.

Ich erinnere mich sehr genau, dass das in meiner Jugend nicht so war. Der Trainer gab in der U14 die Order aus, dass nach Training und Spiel geduscht werde, und das ganze Team stand nackt und ungeniert unter den Duschen. Und wenn der Coach im Training mitgespielt hatte, stand er mit unter der Dusche. Heute haben Kinder unübersehbar ein ganz anderes Schamgefühl.

Das hat sich gerade auch auf einer Klassenfahrt mit einer 6. Klasse bestätigt, drei Tage “Teambuilding” in einer Jugendherberge, Unterbringung in Blockhäusern, vier Kinder in einem Zimmer.

Schüler A kommt aufgeregt zu mir und erzählt, Schüler B habe vor ihm und den beiden anderen seine Unterhose gewechselt. Auf meine Antwort “OK, und weiter…?” meint er empört, das sei doch unanständig, er habe “alles sehen können”.

Nach der Fahrt erzählt ein Elternteil, sein Kind habe bei der Rückkehr “stark gerochen” und fragt, ob wir den Kindern nicht gesagt hätten, dass sie duschen sollen. Eine Umfrage in der Klasse offenbart, dass nur 5 der 30 Kinder wenigstens einmal in drei Tagen geduscht hatten. Erklärung der Kinder: “Es gab keine Einzelkabinen”. Auf die Nachfrage, was denn am gemeinsamen Duschen so schlimm sei, höre ich von den Jungen “da kann man ja alles sehen”, “ich will nicht die Dinger von den anderen sehen”, “das ist unanständig”, etc. Die Mädchen äußern sich dazu gar nicht.

Ursache für diese deutliche Veränderung im Schamempfinden der Kinder ist für mich eindeutig die seit den 80ern extrem gestiegene Sexualisierung in den Medien. Bis 1985 gab es nur die drei öffentlich-rechtlichen Programme, in denen Nacktheit tabu war. Dann kamen die Privatsender mit TV rund um die Uhr, provokanten Shows wie “Tutti Frutti” und 0190-ruf-mich-an-Werbung, schließlich das Internet, das spätestens seit dem Launch von Youporn.com im Jahr 2006 geradezu überquillt vor frei abrufbarer, kostenloser harter Pornografie jeglicher Spielart.

Stars und solche, die es gerne wären, präsentieren quer durch alle Medien mehr oder weniger nackte Tatsachen, Heidi Klum sieht man auf Instagram nackt beim Duschen, Miley Cyrus schaukelt nackt auf einer Abrissbirne, Justin Bieber begückt seine Fans mit seinem nackten Hinterteil. C-Promis auf Instagram und Youtube wie Katja Krasavice, die sich geschickt knapp unterhalb der Grenze zur Pornografie bewegen, kennen heute schon viele Kinder in unseren fünften und sechsten Klassen, teilweise auch Grundschulkinder. Und immer wieder berichten mir Kinder, dass sie durch Pop-ups im Internet und WhatsApp ungewollt auch mit harter Pornografie konfrontiert wurden.

Offensichtlich hat die mediale Omnipräsenz sexualisierter Inhalte dazu geführt, dass für Kinder heute Nacktheit, Sexualität und auch Pornografie miteinander verschmolzen sind und ein unbekümmerter, ungenierter Blick auf den Intimbereich anderer überhaupt nicht mehr möglich ist. Oder gibt es doch eine ganz andere Erklärung, die ich nicht auf dem Schirm habe?

Diese Schambarriere kann ich auch als Lehrer in “Dr-Sommer-Stunden” mit sachlichen Argumenten nicht durchbrechen – meine Siebtklässler verlieren lieber 5 Sekunden auf 100m Brustschwimmen und verpassen damit das Jugendschwimmabzeichen Gold, als mit einer eng anliegenden Badhose anzutreten, unter der sich eine Silhouette andeuten könnte.

Bei Jugendlichen, die sich ernsthaft für das andere Geschlecht interessieren, schlägt das dann nicht selten ins Gegenteil um, sexy as can be, gerne auch im Austausch von intimen Fotos, aber das ist ein ganz anderes Thema

Da es heute schlicht unmöglich ist, die Konfrontation von Kindern mit sexualisierten Inhalten zu verhindern, ist es umso wichtiger, sie frühzeitig altersgemäß aufzuklären, damit sie verstehen, dass nackt nicht gleich intim und intim nicht gleich pornografisch ist. Genau aus diesem Grund ist der neue hessische Lehrplan für Sexualerziehung ein richtiger Schritt, um dieser Entwicklung entgegen zu wirken und zu verhindern, dass Kinder aufgrund medialer Erfahrungen ihre eigenen Schlüsse ziehen und völlig verbogene Haltungen zu diesem Thema entwickeln. Tut man das nicht, überlässt man Sexualerziehung den Medien, und insbesondere dem Internet – siehe Foto!

Wer diesen Lehrplan kritisch sieht, sollte ihn sich vor diesem Hintergrund einmal genau durchlesen: http://lernarchiv.bildung.hessen.de/sek/biologie/menschenkunde/fortpflanzung/sexualerziehung/gesetz/edu_1211559715.html


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