„Safer Internet Day“ oder Mogelpackung?

Heute ist zum 13. Mal seit 2008 „Safer Internet Day“ in Deutschland. Es gibt die üblichen Aktionstage an einigen Schulen, garniert mit den üblichen Lippenbekenntnissen aus der Politik. In der Übersicht von Kicksafe finden sich gerade einmal 232 registrierte Aktionen, für Hessen finde ich da genau 13 – wir haben knapp 1900 Schulen!
Auch wenn da einige nicht registrierte Aktivitäten dazu kommen dürften, ist das im Ansatz nett gemeint, aber von sehr überschaubarer Wirkung! Was wir brauchen sind nicht einmalige Aktionstage und „Werbung für mehr Medienbildung“ – SchülerInnen und Schüler müssen regelmäßig und nachhaltig mit allen Aspekten der digitalen Welt vertraut gemacht werden: Produktiv, kreativ, informativ, kommunikativ, kritisch, rechtlich, sozial, ethisch, sicherheitstechnisch, etc.
Das scheitert aber auch im 3. Jahrzehnt des Internets noch daran, dass der Großteil der Lehrkräfte dazu nicht in der Lage ist, denn in unserer Aus- und Weiterbildung ist Digitales weiterhin nur ein grob vernachlässigtes Randthema. Zudem sind wir traditionell eine Berufsgruppe mit unterdurchschnittlicher Technikaffinität; das ist so, dazu gibt es Studien, die ich aber nicht brauche, weil mir die Praxis das Woche für Woche belegt, auch in der Ausbildung der ReferendarInnen!
Gleichzeitig wünscht sich die Elternschaft, die sich in Sachen Medienerziehung mit großer Mehrheit für überfordert erklärt, dass die Schulen ihr das Thema abnehmen (sorry liebe Eltern, das kann nicht funktionieren) oder sie zumindest darin unterstützen (das geht prinzipiell, siehe aber mangelnde Digitalkompentenz der Lehrkräfte).
Für Kinder und Jugendliche ist das eine hochproblematische Konstellation, weil sie sich dank des digitalen Offenbarungseids der erziehenden Generation diese hochkomplexe Welt größtenteils durch Trial-and-Error erschließen müssen – inklusive höchst unangenehmer Erfahrungen mit problematisch-strafbaren Inhalten, Cybermobbing, Sexting, Cybergrooming (pädophile Übergriffe) etc. Laut aktuellen Studien wie z.B. „EU Kids online“ haben über 80% der 12jährigen bereits mindestens eine riskante Onlineerfahrung gemacht, während deren Eltern häufig nicht davon erfahren, weil die Kinder sich – oft auch unbegründet – schämen, schuldig fühlen und/oder Angst haben, mit Handy- bzw. Internetentzug bestraft zu werden!
Die Bundesbildungsministerin kann vor diesem Hintergrund tiefenentspannt mehr Medienbildung fordern, denn Bildung ist Ländersache, sodass sie sich damit nicht unter Zugzwang setzt.
In den meisten Bundesländern – so auch in Hessen – sind Medienbildung und Medienerziehung sogenannte „besondere, fachübergreifende Bildungs- und Erziehungsaufgaben“. Ein prinzipiell richtiger Ansatz, der aber ins Leere läuft, weil die dafür elementare Grundbedingung nicht gegeben ist: Fachübergreifende Digitalkompetenz der Lehrkräfte (s.o.)!
Unübersehbare Folge dieses Defizits in der schulischen Digitalbildung: Die IT-Branche leidet unter einem kapitalen Fachkräftemangel, der sich von 2015 bis 2018 auf 82.000 unbesetzte Stellen fast verdoppelt hat, und sucht händeringend nach ausländischen Fachkräften, weil Deutschland zu wenig eigenen IT-Nachwuchs fördert! Das für mich persönlich frustrierende an dieser vorhersehbaren Entwicklung ist, dass ich schon seit 1999 ebenso gebetsmühlenartig wie erfolglos davor warne, u.a. auch in diversen unbeantworteten Schreiben an mehrere hessische KultusministerInnen von SPD, CDU und FDP!
Der Digitalpakt wird an diesem Dilemma, das die Industrienation Deutschland massiv gefährdet, rein gar nichts ändern, denn allein mit mehr Infrastruktur, WLAN und Endgeräten ist es nicht getan. Es muss massiv in die digitale Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte investiert werden, und die Schulen benötigen professionellen IT-Support auf demselben Niveau, das in Behörden und Wirtschaft Standard ist – die Killerfrage ist allerdings, wie das angesichts des Fachkräftemangels realisiert werden soll.
Fazit: Aus meiner Sicht ist der einzige Ausweg aus diesem Teufelskreis die sofortige Einführung des Fachs „Digitalbildung“, das von digitalkompetenten Lehrkräften unterrichtet wird und sämtliche elementaren Aspekte abdeckt, von Programmierung über die Nutzung von Officeprogrammen bis zu Social Media, Onlinesicherheit und Onlinerecht. Alternativ können wir einfach weitermachen wie bisher, jedes Jahr einen „Safer Internet Day“ mit tollen Aktionen in den Medien zelebrieren und zusehen, wie Deutschland digital endgültig den Anschluss verliert!
Der Worte sind genug gewechselt, lasst mich auch endlich Taten sehn!“
(Goethe, Faust. Eine Tragödie. Vorspiel)

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