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Gruppenzwang ist Blödsinn!

Diese Woche hatte ich einen Online-Elternabend zum Thema Medienerziehung für KiTa-Eltern, und selbst da kam das Argument, man könne sich dem „Gruppenzwang“ zur Nutzung bestimmter Medien und Apps ja gar nicht mehr widersetzen, konkret dem „Mainstream“, dass Kinder immer früher ein Smartphone mit WhatsApp, Social Media und Onlinegames bekommen.
Ich höre diese Rechtfertigung seit Jahren bei jedem Schul-Elternabend, im KiTa-Bereich irritiert mich das noch mehr und es fällt mir immer schwerer, hier spontanes Kopfschütteln und deftiges Vokabular zu unterdrücken.
„Gruppenzwang“ ist für mich ein reines Alibiargument, eine Ausrede, mit der man schlicht offenbart, dass man nicht die Courage hat, zu seiner persönlichen Überzeugung zu stehen, wenn sie nicht der Denkweise der Mehrheit entspricht. Sprich: Man hängt lieber sein Fähnchen in den Wind, anstatt zu tun, was man für richtig hält – auch wenn es unpopulär ist und man dafür v.a. Unverständnis erntet.
Würde ich so denken, müsste ich seit Jahren bei jedem Elternabend verkünden: „Gebt euren Kindern so früh wie möglich alles was Bildschirme hat und parkt sie unbeaufsichtigt davor, wenn ihr keine Lust habt, euch mit ihnen zu beschäftigen – das machen doch eh die meisten und man hat keine Chance, sich dem zu entziehen! Schönen Abend noch!“
Im Hintergrund der Gruppenzwang-Denkweise stehen natürlich Kinder, die permanent mit der Behauptung „aber alle außer mir haben das“ Druck auf ihre Eltern machen – das ist nicht neu, das war schon immer so!
Aber während meine Mutter bei dieser ältesten Kinderlüge der Welt IMMER sagte „Hol mir mal die Klassenliste, ich ruf mal eben alle an und frage nach…“ gibt die Mehrheit der heutigen Eltern diesem Druck viel zu schnell und ungeprüft nach. Bei mir hatte sich das Thema mit der Frage nach der Klassenliste regelmäßig direkt erledigt, denn „aber alle haben/dürfen das“ war natürlich so gut wie immer gelogen, oder netter ausgedrückt „deutlich übertrieben“ bzw. eine subjektiv verzerrte Wahrnehmung der Realität…
Aber selbst wenn das Ergebnis der Anrufe ergeben hätte, dass ich Recht hatte, hätte meine Mutter entspannt gesagt: „Wenn alle in den Rhein springen, bist du der einzige Überlebende! Und abgesehen davon möchte ich, dass du etwas Besonderes bist – das wird man aber nicht, indem man jeder Herde hinterher rennt!“
Ich habe dieses Argument später in Diskussionen mit meinen eigenen Kindern übernommen und ergänzt: „Wenn du der Herde hinterher läufst, siehst du nur Ärsche vor dir!“
Mit „Gruppenzwang“ wird ja auch schon immer die vermeintliche Notwendigkeit begründet, seine Kinder mit teuren Statussymbolen ausstatten zu müssen, damit sie nicht zu Außenseitern werden! Wie können klar denkende Menschen überhaupt auf die Idee kommen, dass der Wert eines Menschen gesteigert wird, wenn er sich in Markenklamotten hüllt, das teuerste Handy hat und eine Luxuskarre fährt? Natürlich kann und darf man das alles haben, aber wer meint, davon hänge sein gesellschaftlicher Status ab, hat offensichtlich ein massives Problem mit seinem Selbstvertrauen – und ist damit hochgradig mobbinggefährdet, denn Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen sind der beste Schutz davor. Wer dagegen entspannt und selbstbewusst sagen kann: „Mir doch egal, was du über meine Klamotten denkst, ich mag sie!“, ist schwer zu mobben.
Wer behauptet, er nutze WhatsApp nur aus Gruppenzwang, leistet meines Erachtens damit einen persönlichen Offenbarungseid!
Zu guter letzt: Welcher Mitläufer, Nachmacher oder „Follower“, der immer nur nach den anderen schielt, hat jemals etwas Bahnbrechendes erfunden, das die Welt verändert hat? Steve Jobs hat es mit seinem legendären Slogan „Think different“ auf den Punkt gebracht und die Welt verändert: Er wollte „eine Kerbe im Universum hinterlassen“ – das hat er definitiv erreicht, aber definitiv nicht, weil er als dumpfes Herdentier immer nur an der Mehrheit orientiert hat! Und interessanter Weise hat er seine bahnbrechenden Erfindungen seinen eigenen Kindern bis zum Alter von 16 Jahren vorenthalten – gegen Mainstream und vermeintlichen Gruppenzwang!
Ich kenne Menschen, die wegen dieses unsäglichen „Gruppenzwangs“ von der Schule geflogen und sogar im Gefängnis gelandet sind!
Und wozu die Akzeptanz von „Gruppenzwang“ in politisch heiklen Situationen führt, muss man uns Deutschen nicht erklären!
Kinder zu selbstbewussten Menschen mit eigener Meinung und Rückgrat zu erziehen, ist für mich eine der wichtigsten Erziehungsaufgaben von Eltern und Lehrkräften – und dafür muss man es auch aushalten, sich gelegentlich bei seinen Kindern unbeliebt zu machen, wenn sie mit „aber alle anderen…“ nicht durchkommen.
Trost für gestresste Eltern aus meiner eigenen Erfahrung als Vater inzwischen erwachsener Kinder: Sie werden euch später dankbar dafür sein, garantiert!

2 Gedanken zu „Gruppenzwang ist Blödsinn!

  • Jan Wittmann

    Lieber Herr Steppich,

    vielen Dank für diesen Beitrag!!!
    Ich kann nur eines dazu sagen „Hervorragend“!
    Wir werden diesen Beitrag in unseren Veranstaltungen, als zusätzliches „Plus“ mit einbauen, denn wie Sie schon sagten: „Reden ist gut, Taten sind besser.“

  • Michael

    Danke – dies ist mit Abstand der wichtigste Beitrag auf Ihrer Webseite.
    Die anderen sind natürlich auch alle wichtig, aber hier liegt exakt die Wurzel des Übels.

    Am besten wäre es wenn alle Lehrer diesen Text ausdrucken und sämtlichen Eltern auf dem ersten Elternabend in der 1. Klasse in die Hand drücken.
    Dann wird der gemeinsam gelesen und danach einigen sich die Eltern auf ein Alter bis zu dem die Kinder garantiert kein (eigenes) Smartphone bekommen dürfen – kleinster gemeinsamer Nenner.

    Danach schwören alle Eltern feierlich (gemeinsam laut aussprechen!), dass sie sich daran halten werden.

    Das wäre mal was.

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