BYOD ist kein tragfähiges Konzept für Schulen

Eines vorweg: Natürlich kann man Schülerhandys nutzbringend im Unterricht einsetzen – in bestimmten Situationen, unter bestimmten Rahmenbedingungen, ab einer bestimmten Klassenstufe. Ich mache das selbst im Englischunterricht ab der 8. Klasse, dabei geht es aber nicht ohne glasklare Regeln: Das Smartphone ist im Flugmodus, ohne Rückfrage darf nur das Offline-Wörterbuch genutzt werden, Onlineaktivitäten gibt es nur auf meine Ansage oder nach Rückfrage. Warum? Weil WhatsApp, Snapchat, Instagram und Co. hochgradige Aufmerksamkeitskiller sind, die mit nichts vergleichbar sind, was analoge Schülergenerationen unter der Schulbank hatten. Wenn ich bemerke, dass sich jemand während des Unterrichts auf dem Handy mit etwas beschäftigt, das nicht zum Unterricht gehört, wird es eingezogen und die Eltern müssen es abholen. Die Regeln sind eindeutig und funktionieren bestens, ich habe noch NIE während des Unterrichts ein Handy wegnehmen müssen, weil die Schüler schätzen und anerkennen, dass man ihnen dieses Arbeitsmittel gestattet. Eine einführende Diskussion über Konzentration, Ablenkung und Pseudo-Multitasking hat sich als hilfreich erwiesen. In niedrigeren Klassenstufen funktioniert dieses Konzept umso schlechter, je jünger die Kinder sind, weil sie sich dem enormen Aufforderungscharakter eines Smartphones noch nicht erfolgreich widersetzen können – man sieht ja auch bei vielen Erwachsenen, dass sie dazu nicht in der Lage sind.

Meine Oberstufenschüler dürfen ihre Smartphones im Unterricht jederzeit (außer bei Klausuren) ungefragt nutzen, und da ist es mir auch egal, womit sie sich beschäftigen. Wer die Reifeprüfung anstrebt, muss in der Lage sein, selbständig zu entscheiden, ob er dem Unterricht folgt oder sich mit anderen Dingen befasst, wobei sich Letzteres natürlich in der Note für die mündliche Mitarbeit niederschlägt. Auch das besprechen wir vorher und selbstverständlich bemühe ich mich, meinen Unterricht so interessant und relevant zu gestalten, dass der Wunsch nach Ablenkung möglichst nicht aufkommt.

Das bedeutet allerdings keinesfalls, dass BYOD (Bring Your Own Device) die IT-Ausstattung durch den Schulträger überflüssig macht, dafür hat dieses Konzept zu viele eklatante Schwachpunkte, die für jeden offensichtlich sind, der in der Schulpraxis arbeitet, von Menschen, die an Hochschulen und anderen außerschulischen Institutionen Bildungskonzepte entwerfen, aber häufig nicht gesehen werden.

Schwachpunkt 1: Heterogene Ausstattung

Wer als schulischer IT-Verantwortlicher mit einem Sammelsurium unterschiedlichster PCs, Notebooks, digitaler Whiteboards etc. von diversen Herstellern zu tun hatte, weiß, was das bedeutet. Die Skala der Schüler-Smartphones geht von “habe gar keins” über “Dinosaurier mit Android 2.3”, Windows Phone, Blackberry bis zum neusten iPhone oder Samsung Galaxy YX. Viele Apps gibt es nicht für alle Betriebssysteme und wenn, haben sie oft unterschiedliche Funktionen. Allein die Herausforderung, von jedem dieser Geräte ein Schülerergebnis auf ein Whiteboard o.ä. zu projizieren, gleicht der Quadratur des Kreises. Bei Schulbüchern käme niemand auf die groteske Idee, jeden sein eigenes, bevorzugtes Mathe- oder Englischbuch mitbringen zu lassen, aber BYOD wird gerne als Stein der Weisen propagiert,
Wer die Möglichkeit hat, sich die Handyausstattung von SchülerInnen unterschiedlicher Schulformen anzusehen, wird auf den ersten Blick feststellen, dass BYOD und Bildungsgerechtigkeit inkompatibel sind. Rein quantitativ gibt es da keine nennenswerten Unterschiede zwischen Hauptschülern und Gymnasiasten, aber ganz erhebliche, durch die Finanzkraft der Eltern bedingte Qualitätsunterschiede.
Innerhalb der einzelnen Klassen führt die heterogene Ausstattung zu Begehrlichkeiten und übt Druck auf die Eltern aus, vor allem auf diejenigen, die es – aus gutem Grund – für keine gute Idee halten, dass Kinder ein Smartphone mit Vollzugang zur Erwachsenenwelt in der Hosentasche haben. Laut einer Bitkom-Studie vom Mai 2017 besitzen 67 % der 10-11jährigen Kinder ein Smartphone, ein Drittel wäre also bei BYOD außen vor und auf Geräte von Sitznachbarn angewiesen – aber möchten diese das aus der Hand geben? Während ich mit schuleigener IT, auf der alle dieselben Voraussetzungen vorfinden, schon im Grundschulbereich produktiv und kreativ arbeiten kann, ist das mit BYOD kaum möglich.
Das gerne angeführte Argument, Schüler würden mit privaten Geräten sorgsamer umgehen als mit schulischen, ist übrigens eine Fehleinschätzung, es ist immer wieder beeindruckend, wie viele kaputte Displays bei Klausuren auf dem Lehrerpult liegen, und dass Schülerhandys kaputt oder verloren gehen, bzw. gestohlen werden, ist Alltag.

Schwachpunkt 2: Private Nutzung der Geräte

  • Firmen, die BOYD für ihre Mitarbeiter nutzen, sind gut beraten, auf diesen Smartphones mit zwei getrennten Bereichen zu arbeiten, etwa durch Sandbox-Lösungen, die berufliche und private Nutzung sauber trennen. Datenschutz sowie Schutz vor Schadsoftware und Industriespionage sind wesentliche Gründe dafür, dazu kommen diverse rechtliche Aspekte. Solche Konzepte auf Schülerhandys umzusetzen, ist schlicht unmöglich, dazu müsste die Schule entsprechend eingerichtete Geräte zur Verfügung stellen.
  • Freien Speicherplatz auf Schülerhandys gibt es anscheinend nur beim Kauf, anschließend füllt er sich innerhalb kürzester Zeit mit angesagten Apps und Spielen, Fotos, Videos und Musik dermaßen rasant, dass die Aufforderung ein Offline-Wörterbuch wie dict.cc mit knapp 30MB zu installieren, bei einem Großteil der Klasse Panikattacken auslöst.
  • Dazu kommt der oben bereits erwähnte Ablenkungsaspekt, der selbst in der Erwachsenenwelt dazu geführt hat, dass immer häufiger die private Nutzung von Smartphones und Sozialen Netzwerken am Arbeitsplatz strikt untersagt wird und mit Abmahnungen bedroht ist.

Fazit

BYOD ist ein Konzept, das v.a. die Schulträger, die für die materielle Ausstattung der Schulen verantwortlich sind, finanziell entlastet, und das gleich in doppelter Hinsicht: Man muss die Hardware nicht anschaffen und dafür keinen Support leisten. Eine leistungsfähige Netzwerk-Infrastruktur muss in jedem Fall vorhanden sein, unabhängig davon, ob private oder schuleigene Endgeräte benutzt werden. Die durch zahlreiche Studien belegte soziale Ungerechtigkeit des deutschen Schulsystems würde mit BYOD weiter verstärkt, untere Klassenstufen wären zudem benachteiligt, weil ca. ein Drittel der Kinder gar kein Smartphone besitzt und weil die notwendige Resistenz gegen Ablenkungen durch private Apps fehlt.

In der Evaluation eines Hamburger BYOD-Projekts an sechs Schulen, das über 2 Jahre von der Universität Hamburg wissenschaftlich begleitet und in den Klassenstufen 7-9 durchgeführt wurde, findet sich, neben etlichen anderen darin aufgeführen Defiziten des Konzepts, der entscheidende Satz auf S.109 unten:

“Es gibt keine Hinweise, dass die Schülerinnen und Schüler durch die Nutzung der Smartphones und anderer persönlicher Endgeräte innerhalb des Untersuchungszeitraums signifikant höhere Kompetenzniveaus erreichen konnten.”

Und eben darum geht es schließlich, wenn neue Arbeitsmittel an der Schule eingeführt werden.

Und auf S.107 heißt es:

Die besonderen Merkmale dieser Geräteklasse schränken aber die Einsatzmöglichkeiten so stark ein, dass wir (a) eine Festlegung von Mindestanforderungen an die mitgebrachten Geräte oder (b) eine Kombination aus den schülereigenen Smartphones und größeren, von der Schule zur Verfügung gestellten Geräten empfehlen.”

Damit hat sich das Thema erledigt, man kann schließlich Eltern nicht auffordern, ihrem Kind für mehrere hundert Euro ein aktuelles, leistungsfähiges Smartphone zu kaufen, damit es in der Schule erfolgreich arbeiten kann.

 


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